Wie lassen sich Tierversuche rechtfertigen?
Bei der derzeit geführten Debatte geht es nicht nur um ethische
Aspekte im Zusammenhang mit der Verwendung von Tieren und den damit verbundenen
Leiden, die ihnen der Mensch beifügt. Auch vom wissenschaftlichen
Standpunkt her sind wir überzeugt, dass Tierversuche für die
medizinische Forschung abzulehnen sind.
Die Behauptung, dass Tiere für die Untersuchung des Menschen ein
schlechtes Modell darstellen, ist nicht neu. Die Mehrheit der Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler sind inzwischen der Ansicht, zwischen Mensch und
Tier würden zahlreiche biologische Unterschiede bestehen. Diese
würden zu „Problemen bei der Interpretation der Resultate“ führen.
Somit haben wir das Stadium überwunden, in dem Alternativen zu Tierversuchen
undenkbar waren.
Alternativmethoden: Spektakuläre
Fortschritte
In den letzten zwölf Jahren wurden bei der Entwicklung neuer Forschungsmodelle,
die ohne Tierversuche auskommen, spektakuläre Fortschritte erzielt.
Noch vor wenigen Jahren wurde die Entwicklung einiger dieser Modelle,
die inzwischen routinemässig eingesetzt werden, als unmöglich
erachtet.
Über derart rasche Fortschritte sollte man sich eigentlich freuen. Leider
haben diese aber – zumindest bis anhin – nicht zu wirklichen Veränderungen
bei der Arbeit im Labor geführt. Während in der Forschung immer noch
zahlreiche Tiere eingesetzt werden, werden für die Entwicklung neuer Alternativmethoden
nur lächerliche Summen aufgebracht.
Im Rahmen der privaten Forschung insbesondere
der pharmazeutischen Gesellschaften ist das recht verständlich.
Aus der Jahresrechnung von Pharmariesen wie Novartis oder Roche, die
2007 einen Nettogewinn von 13,2 beziehungsweise 11,4 Milliarden Franken
erzielten, geht hervor, dass ein in die Forschung (15 - 20% des Umsatzes)
investierter Franken nahezu deren zwei (1) einbringt.
Während sich die Aktionäre über steigende Dividenden (2)
freuen, belohnen sich die Kader der gleichen Firmen mit Schwindel erregenden
Salären: Der Direktor der Novartis freute sich über 17 und
der Direktor der Roche über 21 Millionen. Logischerweise haben die
Pharmagesellschaften deshalb keinerlei Interesse daran, ihre Vorgehensweisen
zu ändern. Zwar werden nur wenig neue aktive Moleküle vertrieben,
die Genehmigung neuer Medikamente erfordert lange und kostspielige Vorgehensweisen
und eine Grosszahl der Präparate übersteht Testphase 3 aufgrund
von unerwünschten Nebenwirkungen (3) nicht. Trotzdem bringt die
auf Tierversuchen beruhende Forschung riesige Gewinne ein.
Im Rahmen der öffentlichen Forschung ist
die mangelnde Unterstützung von Alternativmethoden hingegen schlichtweg dramatisch.
Schuld daran ist keineswegs ein mangelndes Interesse an solchen Forschungsmodellen.
Diese ernten in den Gängen der Universitäten längst nicht
mehr den gleichen Spott, wie das früher einmal der Fall war. Inzwischen
kommt kein Forscherteam bei der Lancierung eines Projekts mehr an solchen
Modellen vorbei. Dies insbesondere aus ökonomischen Gründen,
aber auch weil solche Methoden in zahlreichen Fällen interessantere
Antworten liefern als In-vitro-Versuche an lebenden Tieren.
Die Erklärung für die mangelnde Unterstützung ist
anderswo zu suchen. Die medizinische Forschung wird von Wissenschaftlern
betrieben, die von der Vivisektion leben und eine Forschung ohne den
Einsatz von Tieren gar nicht anstreben. Diese Wissenschaftler belegen
die bevorzugten Plätze an den Universitäten - sie sind Rektoren,
Fakultätsdekane, Abteilungsdirektoren oder Leiter von Forschungsteams.
So lange sie das Sagen haben, besteht keine Hoffnung auf Änderungen.
Sie behaupten, die Forschung mit Tieren sei teuer, und berufen sich darauf,
alles daran zu setzen, um den Einsatz der Vierbeiner auf das unbedingt
Notwendige zu beschränken. Sie haben kein Interesse daran, die Entwicklung
neuer Forschungsmethoden, die sich als leistungsfähiger erweisen
könnten als ihre eigenen Methoden, zu unterstützen und zu fördern.
Vielmehr geht es ihnen darum, sich durch die Anhäufung weiterer
wissenschaftlicher Publikationen ihre Arbeitsstelle zu sichern.
Die Verwendung von Tieren für
Forschungszwecke einstellen
Die mangelnde Unterstützung von Alternativmethoden durch unsere
Institutionen ist natürlich bedauerlich. Trotzdem gibt es ein einfaches
Mittel, um solche Entwicklungen zu fördern. Stellen wir die Verwendung
von Tieren in den Labors doch einfach ein und wir werden über die
neuen Möglichkeiten erstaunt sein, die sich der medizinischen Forschung
bieten. Alle Wissenschaftler, die Tierversuche durchführen, sind
viel intelligenter, als sie zugeben. Durch die Einstellung der Tierversuche
könnten innert kürzester Zeit neue Alternativmethoden entwickelt
werden, die unter den gewohnten Umständen wegen der mangelnden finanziellen
Unterstützung Jahrzehnte erfordern würden.
Die Einstellung von Tierversuchen würde die Forschung nicht behindern.
Ganz im Gegenteil – sie würde ihr einen neuen, rettenden Schwung
verleihen.
..............................................................................................
In Zahlen ausgedrückt
(1) Investitionen in den Sektor „Forschung und Entwicklung“ im
Jahr 2007:
Novartis: 7,7 investierte Milliarden bei einem Umsatz von 40 Milliarden
Roche: 8,3 Milliarden bei einem Umsatz von 46 Milliarden
Merck Serono: 1,6 Milliarden bei einem Umsatz von 7,1 Milliarden
(2) Im Jahr 2007 zahlte Novartis den Aktionären eine Dividende
von 1,6 Franken (+ 19%) aus. Dies stellt die 11. Dividendenerhöhung
(1,35 Franken pro Aktie im Jahr 2006, 1,15 Franken im Jahr 2005) in Folge
seit der Gründung von Novartis im Jahr 1996 dar.
Zum 21. Mal hintereinander kassierten die Aktionäre von Roche höhere
Dividenden (+35%) als im Vorjahr.
(3) Im Schnitt dauert es rund zehn Jahre, bis ein neu hergestelltes
Medikament auf den Markt gebracht werden kann.
Anzahl Medikamente, die in Europa seit 2007 entwickelt werden:
Präklinische Phase: 680 (davon 49 in der Schweiz), Phase 1: 295
(21 in der Schweiz), Phase 2: 495 (40 in der Schweiz), Phase 3 (kurz
vor der Einreichung eines Antrags auf Bewilligung): 143 (22 in der Schweiz)
Mit insgesamt 132 Medikamenten in der Testphase nimmt die Schweiz hinter
England (361), Deutschland (262), Dänemark (188) und Frankreich
(173) den fünften Platz ein.
Novartis hat 76 „Projekte“ lanciert, von denen sich rund
fünfzig in der klinischen Phase 2 oder 3 befinden.
Im Jahr 2007 bewilligte die „Food and Drug Administration“ (FDA),
die für die Bewilligung des Medikamentenvertriebs in den Vereinigten
Staaten zuständig ist, fünf neue Moleküle. Im gleichen
Jahr wurden 26 Medikamente (alle Kategorien) bewilligt (2006 waren es
36).
In Europa bewilligte die European Medicines
Evaluation Agency (EMEA), welche die Entwicklung neuer Medikamente
in der Europäischen Union
koordiniert und supervisiert, vier neue Moleküle und dreizehn Medikamente.
|