FR | IT

search


Kontakt
maps

Links


De


Fr

Sechs Männer nach Medikamententests im Spital

Am 13. März 2006 zeigte ein dramatischer Vorfall, welche Risiken Freiwillige auf sich nehmen, wenn sie sich für Medikamententests zur Verfügung stellen, die auf der Grundlage von Tierversuchen vorgenommen werden.

Wegen den Auswirkungen solcher Tests mussten sechs bis zu diesem Zeitpunkt kerngesunde Männer auf die Intensivstation eines Londoner Spitals gebracht werden. Zwei von ihnen befanden sich in einem „kritischen“ und vier in einem „ernsten“ Zustand. Die 18- bis 30-jährigen Männer hatten sich für durchschnittlich 3'300 Euro für einen klinischen Versuch (1) zur Verfügung gestellt. Dieser diente dazu, ein neues Molekül gegen eine seltene Form chronischer Leukämie zu testen. Nach der Einnahme des Produkts kam es zuerst zu einer unkontrollierten Produktion von Zytokinen und anschliessend zu einer heftigen Reaktion des Immunsystems. Sechs der acht Freiwilligen begannen, unter heftigen Schmerzen zu leiden und zu schwitzen. Sie mussten sich übergeben, verloren ihr Bewusstsein und mussten auf die Intensivstation gebracht werden. Nur die beiden Testpersonen, denen ein Placebo verabreicht worden war, kamen unbehelligt davon. Einer von ihnen erzählte: „Alle mussten sich die ganze Zeit übergeben. Sie fielen in Ohnmacht und kamen wieder zu sich. Wahrscheinlich hatten sie Migräne – viele hielten sich den Kopf.“
Weinend berichtete BBC-Produzentin Myfanwy Marshall, ihr 28-jähriger Freund gleiche dem „Elefant Man“: „Eine Maschine leert seine Lungen. Seine Brust ist geschwollen, sein Gesicht aufgedunsen und gelbviolett. Die Ärzte haben kein Mittel dagegen. Wenn nicht noch ein Wunder geschehen sollte, gehen sie davon aus, dass er jederzeit sterben kann.“

Von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMEA)
bewilligter Test


Der Versuch wurde von einer Forschungseinheit unter der Leitung der amerikanischen Gesellschaft Parexel International am Spital Northwick Park im Norden Londons durchgeführt. Die Zulieferfirma zählt zahlreiche Pharmagesellschaften zu ihren Kunden.

Die getestete Substanz - der monoklonale Antikörper TGN 1412 - wurde ursprünglich vom deutschen Biotechnologieunternehmen TeGenero erfunden und entwickelt. Die Firma erklärte: „Die an Nagern und Makaken durchgeführten Tests liessen in keiner Weise eine derartige Reaktion erahnen.“
Am 5. Juli 2005 hatte die Europäische Arzneimittelagentur (European Medicines Agency EMEA) die ersten klinischen Versuche der Phase 1 bewilligt. Bei dieser Gelegenheit erklärte sie, sich auf die Resultate von Tierversuchen zu stützen.

Tierversuche in Frage gestellt

Der in den Medien stark verbreitete Vorfall zeigte, wie unzuverlässig Tierversuche sind, und sorgte in den medizinischen Fachkreisen für Ratlosigkeit.
Dabei hatte die amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde (Food and Drug Administration FDA) genau zu diesem Zeitpunkt erklärt, die Durchführung klinischer Versuche erleichtern zu wollen. Anfang 2006 hatte sie das Inkrafttreten eines neuen Reglements mit einer recht kurzen „Nullphase“ (mindestens sieben Tage) beim Menschen angekündigt, bevor die entsprechenden Tierversuche abgeschlossen würden. Dabei sollten den freiwilligen Testpersonen kleine Mengen von Versuchsprodukten verabreicht werden. Auf diese Weise wollte man testen, wie die Präparate vom menschlichen Organismus verarbeitet würden. Die Ankündigung der FDA stiess bei den grossen Pharmagesellschaften wie Novartis und Pfizer auf Begeisterung. Durch die Verkürzung der Schritte zur Freigabe von Medikamenten ermöglichte die neue Gesetzgebung einen wertvollen Zeitgewinn. Dazu kam, dass die Zuverlässigkeit der Tiermodelle sei einigen Jahren nicht mehr als zufrieden stellend erachtet wurde. Die Pharmaindustrie investierte deshalb jedes Jahr mehr Geld in die Entwicklung bioinformatischer Modelle. Mit Hilfe eines virtuellen menschlichen Organismus kann bei solchen Modellen immer genauer simuliert werden, wie eine Substanz wirkt (2). 

Bei den Wissenschaftlern fielen die Reaktionen heftiger aus. Einige schreckten nicht davor zurück, die Tierschutzverbände zu beschuldigen, Druck auf die öffentliche Hand auszuüben. Sie seien dafür verantwortlich, dass immer weniger Tiere für Toxizitätstests im Rahmen neuer Substanzen verwendet würden. Gleichzeitig forderten sie, die Nebenwirkungen neuer therapeutischer Moleküle sollten an einer viel höheren Zahl von Versuchstieren und viel mehr Gruppen getestet werden können. Die Antwort erfolgte acht Monate später. In dieser Zeit war es britischen Forschern gelungen, in vitro die katastrophalen Auswirkungen zu simulieren, unter denen die sechs Versuchspersonen des erwähnten klinischen Tests gelitten hatten.

Nebenwirkungen durch In-vitro-Test bewiesen

Stephen Inglis’ Team vom National Institute for Biological Standard and Control (NIBSC) hatte es geschafft, diesen Sturm der Zytokine im Labor zu reproduzieren. Dabei stellte sich heraus, dass nichts Besonderes geschah, wenn sich der Antikörper bei der Anwesenheit von Zellen des menschlichen Immunsystems in einer Lösung frei bewegen konnte. Wurde dieser aber zuerst auf eine Oberfläche gelegt und so unbeweglich gemacht, ging der Sturm los. Die Forscher vermuteten, dass sich der Antikörper TGN 1412 im menschlichen Organismus irgendwo verhakte, was bei den Nagetieren und Makaken nicht der Fall war.
Dies beweist, dass auch weiterführende Tests oder die Verwendung einer grösseren Anzahl von Tieren nichts gebracht hätten. Es zeigt aber auch, dass die In-vitro-Forschung als allgemeine Alternative – trotz der geringen finanziellen Mittel, die dafür aufgewendet werden - im vorliegenden Falle medizinische Studien ermöglichte, die für den Menschen viel aussagekräftiger waren als die Tierversuche.

Testperson wegen unbezahlten Rechnungen

Die Behauptung, dank Tierversuchen könne die Toxizität einer Substanz mit ausreichender Sicherheit bestimmt werden, bevor diese an Menschen verabreicht würde, ist völlig unzulässig. Leute, die so etwas sagen, müssten sich ernsthaft fragen, ob sie selber an einer klinischen Studie der Phase 1 teilnehmen würden. Tatsächlich handelt es sich bei den „freiwilligen“ Testpersonen, die für diese Art Studie ausgewählt werden, meist um Leute mit finanziellen Problemen oder um Studierende, die sich so einen Teil ihres Studiums finanzieren. Wie eine junge Frau erzählte, nahm ihr Freund am erwähnten Versuch teil, um offene Rechnungen zu bezahlen. Am stärksten betroffen war der 20-jährige Londoner Student Ryan Wilson. Einen Monat nach Verabreichung des Antikörpers lag dieser immer noch im Spital. Nach dem Versuch litt er an Herz-, Nieren- und Leberversagen sowie einer Lungenentzündung und Blutvergiftung. In einer Zeitung veröffentlichte Fotos zeigten, dass ein Grossteil seiner Finger und Zehen schwarz geworden war. Ryan Wilson erklärte, er würde seine Finger- und Zehenspitzen verlieren. „Man hat mir gesagt, sie seien wie erfroren und würden abfallen.“ Die Ärzte hätten ihm auch zu verstehen gegeben, dass er wohl nicht überleben würde.
Man könnte annehmen, ein solcher Vorfall würde allfällige Freiwillige von der Teilnahme an einem solchen Versuch abschrecken. In Tat und Wahrheit stiessen die klinischen Tests aber auf zunehmendes Interesse, als öffentlich bekannt wurde, welche Summen dafür bezahlt worden waren (3). 

Der 20-jährige Spenglerlehrling Ryan Wilson war von den Auswirkungen der TGN1412-Infusion am stärksten betroffen. Er musste während 147 Tagen hospitalisiert werden. Dabei litt er unter Herz-, Nieren- und Leberversagen und erkrankte an einer Lungenentzündung sowie an einer Blutvergiftung. In einer Zeitung veröffentlichte Fotos zeigten, dass ein Grossteil seiner Finger und Zehen schwarz geworden war. Ryan Wilson erklärte, er würde seine Finger- und Zehenspitzen verlieren. „Man hat mir gesagt, sie seien wie erfroren und würden abfallen.“ Die Ärzte hätten ihm auch zu verstehen gegeben, dass er wohl nicht überleben würde.
Zwei Jahre später ist der Prozess, den Ryan Wilson gegen TeGenero führt, immer noch im Gang. Das deutsche Unternehmen hat inzwischen Konkurs gemacht. Seine Versicherung befand sich zudem in Unterdeckung, so dass sich die Entschädigung auf 2 Millionen Pfund Sterling beschränkt.

Ryan Wilson – Nach der Amputation seiner Finger- und Zehenglieder kann er weder laufen noch arbeiten. Welche Zukunft hat der junge Mann?

 

...................................................................................................

Anmerkungen :

(1) Vor der definitiven Zulassung eines Medikaments werden am Menschen Tests vorgenommen. Diese bestehen im Allgemeinen aus vier Schritten (Phasen):

Die klinischen Studien der Phase 1 finden nach den Tierversuchen statt und stellen den ersten Schritt eines Prozesses dar, der zum Vertrieb eines Medikaments führt. Die Versuche werden meist an gesunden freiwilligen Testpersonen vorgenommen, die im Allgemeinen dafür bezahlt werden. Betroffen ist nur eine kleine Anzahl gesunder Personen. Diese Tests dienen nicht dazu, die Wirksamkeit des aktiven Prinzips zu untersuchen, sondern die pharmakodynamischen Merkmale eines Medikaments sowie dessen allfällige Toxizität zu prüfen.

Die klinischen Versuche der Phase 2 dienen hauptsächlich dazu, die kurzfristige pharmakologische Toxizität und – in einem geringeren Masse – die Wirksamkeit eines neuen Medikaments zu prüfen. Die Tests werden an Personen vorgenommen, die an den besagten Krankheiten leiden. Sie richten sich an Gruppen von 20 bis 300 Testpersonen.

Bei den klinischen Versuchen der Phase 3 handelt es sich um komparative Wirksamkeitsstudien. Dabei wird das Medikament mit einem entsprechenden Präparat oder einem Placebo verglichen. An diesen Tests sind oft mehrere Tausend Freiwillige beteiligt. Die extrem kostenaufwändigen Programme werden von den Pharmagesellschaften bezahlt.

Die klinischen Versuche der Phase 4 – auch Überwachungsstudien genannt – ermöglichen es insbesondere, die langfristige Toxizität und Wirksamkeit von Medikamenten zu prüfen, die sich bereits im Handel befinden.

(2) Gemäss einer im Juni 2008 veröffentlichten Studie von PricewaterhouseCoopers Schweiz (PwC) könnten mit In-silico-Methoden (bioinformatische Methoden) die Entwicklungsphasen von Medikamenten von acht auf ein bis zwei Jahre gesenkt werden.

(3) Wadman M. „London’s desastrous trial has serious side effects for research“. Nature 2006; 440: 388-9.


Abonnieren Sie unseren

..................................

Was geben Sie Ihrem Hund oder Ihrer Katze zu fressen?

Es gibt tierversuchsfreie Tiernahrung »» Mehr

..................................

Wie lassen sich Tierversuche rechtfertigen?
»» Mehr

..................................

Tierversuch oder Forschungsmethode ohne Tiere?
Mit den nötigen Mitteln und den Karrieremöglichkeiten von Forschern die auf Tiere verzichten, würde die medizinische Forschung rasche und spektakuläre Forschschritte machen.
»»
Mehr

..................................

Tiere sind kein biologisches Modell des Menschen
Sechs Männer nach Medikamententests im Spital. »» Mehr

..................................

Publizieren oder untergehen
Ein System, das Innovationen in keiner Weise fördert.
»» Mehr

..................................

Betrügerische Publikationen
Um Geld zu erhalten, müssen die an den öffentlichen Einrichtungen tätigen Forscher ihre Arbeiten regelmässig in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichen.
»» Mehr

..................................

Universitäten und Tierversuche
»» Mehr

..................................