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September 2009

Betrügerische Publikationen

Um Geld zu erhalten, müssen die an den öffentlichen Einrichtungen tätigen Forscher ihre Arbeiten regelmässig in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichen. Ihre Karrieren hängen nämlich insbesondere von der Zahl ihrer Publikationen – und der Qualität der Zeitungen, in denen sie ihre Artikel veröffentlichen – ab.

Wenn ein Wissenschaftler viel veröffentlicht, steigt sein Ruhm bei den Kollegen. Er wird an einer Universität zum Professor ernannt und in zahlreiche Stiftungsräte berufen. In Universitätskreisen wird er zum gefragten Star und sein Einkommen steigt in beträchtlichem Ausmass.
Wissenschaftler, die nur wenig publizieren, haben hingegen Mühe, ihre Forschung finanzieren zu können. Sie verfügen über immer weniger Assistenten, die sie bei ihrer Arbeit unterstützen, werden verachtet, wenden der Forschung den Rücken zu oder lassen sich von anderen Wissenschaftlern anstellen, die sie als Untergebene behandeln.

Diese Situation ist weder schlechter noch besser als diejenige, welche ein Teil der Bevölkerung in ihrem Berufsalltag erlebt. Der Wettkampf um die Publikationen und die ständige Rivalität zwischen den Forscherteams haben aber zur Folge, dass Wissenschaftler zu allem bereit sind, damit ihre Forschung auch weiterhin finanziert wird. Sie schrecken nicht einmal davor zurück, Resultate zu fälschen.
Missbräuche hat es seit jeher gegeben. Seit rund zwanzig Jahren sind diese aber an der Tagesordnung und bringen die gesamte wissenschaftliche Gemeinschaft in Verruf.

Gefälschte Studien auf allen Kontinenten

Am stärksten beachtet wurde in den Medien der Fall des Koreaners Hwang Woo-suk, der 2004 in der renommierten Zeitschrift „Science“ einen Artikel veröffentlichte. Darin behauptete er, es sei ihm gelungen, einen menschlichen Embryo zu klonen. Ein Jahr später publizierte er einen weiteren Artikel. Darin erklärte er, elf Stammzelllinien produziert zu haben. In einer ersten Phase wurde der Forscher im Kreise der Wissenschaftler gefeiert. Schon bald wurde der Betrug jedoch offenkundig. Ende 2005 musste Woo-suk sein Fehlverhalten eingestehen und von seinen Ämtern zurücktreten. Zur gleichen Zeit zeigte sich, dass auch der renommierte japanische Biochemiker Kazunari Taira der Universität Tokio nicht in der Lage war, die Resultate seiner medizinischen Forschung zu reproduzieren. Diese waren im Februar 2003 von der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift „Nature“, der Konkurrentin von „Science“, veröffentlicht worden. Nachdem der Forscher sechs Jahre lang vom japanischen Staat unterstützt worden war, verdächtigten ihn die Behörden, seine Daten gefälscht zu haben. 2006 bestätigten sich die Befürchtungen.

In den Vereinigten Staaten musste Dr. Eric Poehlman von der Universität Vermont 2005 vor einem Gericht erscheinen, weil er betrügerische Aussagen gemacht hatte, um vom Staat Subventionen zu erhalten. Er gab zu, während über zehn Jahren Studien zur Fettleibigkeit sowie zur Menopause und zum Alter veröffentlicht zu haben. Vor dem Prozess leitete Dr. Poehlman ein Labor mit einem Dutzend Forschern. Seine Arbeiten brachten ihm allgemeine Anerkennung und zahlreiche Einladungen an weltweite Konferenzen ein. Er verdiente fast 140'000 Dollar pro Jahr, was zu den höchsten Salären seiner Universität gehörte.

Auch Europa begnügte sich nicht mit einem Schattendasein und verfügte über betrügerische Wissenschaftler. Dies insbesondere in Deutschland mit dem renommierten Biologen und Krebsspezialisten Friedhelm Herrmann, Leiter eines Departements an der Universität Ulm, und seiner Mitarbeiterin Marion Brach, Professorin an der Universität Lübeck. Die beiden wurden verdächtigt, ihre Resultate gefälscht zu haben. Die Experten, die mit der Untersuchung der 347 von Herrmann und Brach veröffentlichten Artikel beauftragt waren, erlebten eine Überraschung nach der andern. Sie mussten feststellen, dass Resultate von Studien gar nie erzielt worden waren und die gleiche Grafik mit unterschiedlichen Legenden verwendet wurde, um drei verschiedene Artikel zu illustrieren. Nach zweijährigen Nachforschungen stellte die Untersuchungskommission im Juni 2000 fest, dass 94 Publikationen gefälschte Resultate aufwiesen.

Dies war aber noch lange nicht alles. In einer 2005 von der Zeitschrift „Nature“ veröffentlichten Umfrage zeigte sich das wahre Ausmass des Betruges. 1,7% der 3247 befragten Forscher gab zu, ihre Kollegen plagiiert zu haben, und 0,3% musste eingestehen, sämtliche Daten der ersten drei Jahre erfunden zu haben. Noch häufiger waren „kleinere“ Fehler. 10-15% der Forscher gaben zu, Daten eliminiert zu haben. 15,5% mussten sogar eingestehen, ihr Versuchsprotokoll infolge des Drucks, den die Finanzierungsquellen ausübten, geändert zu haben.

Erfundene Referenzartikel

Der neueste Fall von Betrug wurde von einer Kommission der DFG (1) im Juni 2009 in Deutschland aufgedeckt. Er betraf ein Forscherteam der Georg-August-Universität in Göttingen, die während neun Jahren ein Projekt im indonesischen Tropenwald leitete.
Um die Weiterfinanzierung zu evaluieren, die dem Forscherteam zugestanden wurde, wollte die DFG die als Referenzen aufgeführten 114 Publikationen konsultieren. Für die noch nicht gedruckten Artikel legten die Wissenschaftler Manuskripte vor, die von einer Empfangsbescheinigung der Verleger begleitet waren.
Die Kontrolle durch die DFG löste an der Universität ein wahres Erdbeben aus. Von den 114 Publikationen waren einige noch nicht fertig gestellt und andere nicht einmal geschrieben worden. Um den Skandal zu vertuschen, zog die Universität ihr Finanzierungsgesuch zurück und verzichtete auf die gewohnte finanzielle Unterstützung der DFG, was auf drei Jahre immerhin 8,6 Millionen Euro ausmachte. Zudem müssen 16 Forscher vor einer Untersuchungskommission zum Vorwurf mangelnder Ethik Stellung nehmen.

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Anmerkungen :

(1) Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ist die Organisation in Bonn, welche die deutsche Forschung finanziert. Mit einem Budget von 2,3 Milliarden Euro handelt es sich um den grössten Geldgeber der europäischen Forschung.


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