Formular
A / Gesuch für Tierversuche
1: Adresse Gesuchsteller/in (Kontaktperson, Institut, Firma)
Dr. Pierre Bize
Universität Lausanne
Département d’Ecologie & Evolution
Groupe Prof Roulin
2: Adresse der kantonalen Bewilligungsstelle
Veterinärdienst
Hauptgasse 72
4509 Solothurn
3: TITEL DES GESUCHS / PROJEKTS
„Auswirkung von Stressreaktionen auf Wachstum, Immunreaktion und
Parasitenanfälligkeit beim Alpensegler Apus Melba“
Tierart (Stamm): Apus melba
Gesamtzahl pro Gesuch : 50 Paare
„Es handelt sich um eine in der Stadt Solothurn (Bieltor) stationierte
Kolonie von Wildvögeln, die rund fünfzig Paare umfasst. Wie
Erfahrungen gezeigt haben, gewöhnen sich diese Vögel gut an
den Menschen und Versuche mit Jungtieren wirken sich nicht negativ auf
deren Fortpflanzung aus.“
Dauer des gesamten Vorhabens: 2
Jahre
Datum des vorgesehenen Beginns: 1. Juli 2006
5 ANGABEN ZUR METHODE
5.1: Versuchsanordnung
(Übersicht über die Methode,
Ablauf des Versuchsvorhabens, ggf. Name des Tiermodells)
Die Alpensegler ziehen in einem Nest 2-3 Jungtiere auf. Unser Versuch
bezieht sich auf Jungtierpaare im gleichen Nest.
Ein Jungtier im Nest erhält ein Kortikosteron- und das andere ein
Placebo-Implantat. Der Versuch soll an rund 25 Nestern pro Jahr durchgeführt
werden. Vor der Implantation wird eine Blutprobe entnommen, um den Kortikosteron-Gehalt
zu messen.
Die Implantate werden etwa vierzig Tage alten Jungtieren verabreicht.
Die Lebensdauer dieser Implantate beträgt fünf Tage. Beim Versuch
werden folgende biologische Parameter gemessen: Gewichtszunahme, Wachstum
des Brustbeins sowie der Flügellänge; Reaktion auf eine Reizung
des Immunsystems, Verteilung der natürlichen Parasitenbelastung.
Mit
unserem Versuch wollen wir Stress simulieren und die Auswirkung eines
erhöhten Plasmaspiegels von Kortikosteron auf die Entwicklung
der Jungtiere und ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Parasiten
testen. Wir gehen davon aus, dass die Jungtiere, die Kortikosteron erhalten,
ein reduziertes Wachstum sowie eine geringere Immunreaktion aufweisen
und die Parasitenbelastung somit höher ausfällt als bei den
Tieren, denen ein Placebo verabreicht wird.
Die Beringung und Betreuung der
Jungtiere im Nest wird mit Standardmethoden und dem Einverständnis
der Schweizerischen Vogelwarte Sempach sowie dem BAFU durchgeführt
werden. Wir verwendeten Kortikosteron schon einmal erfolgreich an einer
Wildpopulation von Schleiereulen (in Übereinstimmung
mit dem Veterinäramt des Kantons Waadt und in Zusammenarbeit mit
der Schweizerischen Vogelwarte Sempach).
Bei diesem Versuch können sich die Küken frei bewegen. Es
ist mit keinerlei langfristigen negativen Auswirkungen auf das Überleben
der Tiere zu rechnen.
5.3.1: Anästhesie und/oder weitere Schmerzbekämpfung
(Mittel, Dosen, Applikationsweg und -häufigkeit, Zeitdauer etc.)
keine
5.3.2: Begründung für die Wahl der Anästhesie
oder Analgesie sowie ggf. Begründung für den Verzicht auf
diese oder andere belastungsmindernde Massnahmen (z.B. Schmerzmitteleinsatz)
Wie
Beobachtungen gezeigt haben, ist die Implantierung von Kortikosteron
für die Tiere in keiner Weise schmerzhaft (Professor Alexandre Roulin,
Universität Lausanne). Somit ist bei diesem Vorgehen keine Anästhesie
erforderlich. Sollten bei den Alpenseglern während der Implantierung
trotzdem Anzeichen von Schmerz festgestellt werden, ist eine lokale Anästhesie
mit Lidocain vorgesehen.
5.4.1: Art der Eingriffe/Manipulationen
und Erheben von Parametern am Tier (Ablaufschema für das einzelne Tier/für die Tiergruppe
angeben): operative Eingriffe (Ablauf), Substanzapplikation (Art und
Ort, Menge und Häufigkeit), Infizierung, physikalische Einwirkungen
(Bestrahlungen etc.), Verlaufskontrollen, Probenerhebung, Reaktionstests
etc.
Kortikosteronimplantat:
Wir verwenden Implantate in Form von kleinen Tabletten von „Innovative
Research of America, Biomedical Research Product“. Die Dosis wird
so angesetzt, dass die durchschnittliche Plasmakonzentration von Kortikosteron
um 10-20ng/ml erhöht wird. Dies entspricht einem mittleren Stress
(z.B. schlechte Wetterverhältnisse und nur wenig Futter zur Verfügung).
Wenn in den Labors akuter Stress simuliert wird (z.B. Angriff eines Raubvogels),
werden Dosen von 100ng/ml eingesetzt. Die Implantate haben eine begrenzte
Wirkungsdauer (bei unserem Versuch sind es fünf Tage). Sie sind
klein (Durchmesser 3mm, Dicke 1 mm) und bestehen aus biologisch abbaubarem
Material. Sie müssen somit nicht vor Abschluss des Versuchs entfernt
werden. Die Implantate werden unter der Haut der Flanken angebracht.
Die feine Haut wird zuerst mit Alkohol desinfiziert; dann wird ein 4-5
mm langer Schnitt angebracht und das Implantat eingeführt. Schliesslich
wird der Schnitt mit dem Gewebekleber Histoacryl geschlossen. Dieses
Verfahren wurde bereits an verschiedenen Vogelarten mit Erfolg durchgeführt
(Prof. Alexandre Roulin, Universität Lausanne).
Immunreaktion:
Wir werden an den Alpenseglern eine Diptherie-Tetanus-Impfung von „Aventis
Paster MSD“ durchführen, die sonst an Menschen vorgenommen
wird. Diese Impfart wurde an Alpenseglern bereits erfolgreich durchgeführt.
Während der Injektion und zehn Tage danach erfolgt eine Blutabnahme,
um die Erzeugung von Antikörpern im Blut zu überprüfen.
5.4.2: Dauer des Versuchs/der
Versuchsserie: gesamte Versuchsdauer für jede einzelne Gruppe
oder jedes Tier, inkl. Zeitdauer, während
der das Tier Substanzen oder anderen Noxen ausgesetzt ist
Das Wachstum der Jungtiere wird
vom Ausschlüpfen bis zum Flug und
somit während rund 50 Tagen beobachtet. Die Implantate werden den
ca. 40 Tage alten Jungtieren verabreicht. Das Kortikosteron sollte sich
während fünf Tagen ausbreiten.
5.4.3: Tiere pro Versuch/Versuchsserie: Anzahl Gruppen (alle
Untersuchungsvariablen, z.B. Dosen, Zeitdauer, Kontrollen) und Anzahl
Tiere pro Gruppe
50 Bruten während zwei Jahren, also rund 120 Küken. Die eine
Hälfte dieser Küken erhält ein Kortikosteron- (60 Küken),
die andere ein Placebo-Implantat (ebenfalls 60 Küken).
5.4.4: Begründung für die vorgesehenen Tierzahlen
(obligatorische Angabe der eingesetzten Stämme)
Der Alpensegler stellt einen interessanten Modellorganismus dar. Die
Jungtiere sind regelmässig Zeiten von Nahrungsstress ausgesetzt;
sämtliche Bruten werden von der Alpensegler-Lausfliege C. melbae heimgesucht
und bezüglich der Anzahl Parasiten pro Jungtier bestehen zwischen
den einzelnen Bruten grosse Unterschiede. Diese Versuche sollen dazu
dienen, Stress zu erzeugen und die Auswirkungen auf die Immunreaktion
sowie die Anfälligkeit der Jungtiere auf Parasiten zu messen. Stress
schwächt bekanntlich die Immunabwehr. Somit gehen wir davon aus,
dass die Jungtiere, die Kortikosteron erhalten, eher von der Alpensegler-Lausfliege C.
melbae heimgesucht werden als die Tiere, denen ein Placebo-Produkt
verabreicht wird. Der Versuch wird an rund 50 Jungtieren durchgeführt.
Auf diese Weise soll ausreichendes statistisches Material erhalten werden,
um die Auswirkungen unseres Versuchs zu messen.
5.6.1: Erwartete Auswirkungen
auf das Befinden der Tiere (Aktivität, Futter- und Wasseraufnahme,
Schmerzreaktionen, Dauer und Verlauf der Beeinträchtigung,
weitere Verhaltensparameter, Wachstum, erwartete Todesfälle.)
Kortikosteronimplantat:
Die Haut der Vögel ist fein, wenig durchblutet und wenig innerviert.
Bei einem kleinen Schnitt wird keine Schmerzreaktion beobachtet (persönliche
Beobachtung bei der Schleiereule). Das Implantat ist biologisch abbaubar
und stellt langfristig kein Problem für die Sicherheit des Vogels
dar. Die verwendeten Kortikosterondosen entsprechen mittleren Plasmawerten,
wie sie unter natürlichen Bedingungen oft beobachtet werden.
Immunreaktion: Die Impfung erfolgt
mit einem inerten Antigen und ist somit mit keinerlei schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit
des Vogels verbunden. Wie ähnliche Reizungen des Immunsystems in
den letzten Jahren gezeigt haben, ist diese Methode für den Alpensegler
mit keinerlei Komplikationen verbunden.
5.6.4 : Schweregrad
1
6 ANGABEN ZUR BEGRÜNDUNG
DES TIERVERSUCHS
6.1: Welche anderen
Versuchsmethoden sind (z.B. aus der Literatur) bekannt, die es
ermöglichen, entsprechende Information
zu erhalten (In-vitro oder In-vivo Methoden angeben)
keine
6.2: Angabe, ob das Projekt begutachtet wurde/wird, und
wenn ja, von welcher Institution/Organisation
Diese Studie wurde vom Schweizerischen
Nationalfonds zur Förderung
der wissenschaftlichen Forschung finanziert (Stipendium PP00A-109009
für Dr. Bize und PP00A-102913 für Prof. Alexandre Roulin).
6.3: Beurteilung der
Bedeutung des erwarteten Erkenntnisgewinns oder Ergebnisses im Vergleich
zu den den Tieren entstehenden Schmerzen, Leiden, Schäden oder Ängsten
Wir erwarten wichtige Erkenntnisse über die Stressreaktion unter
natürlichen Bedingungen. Unser Versuch sollte wichtige Informationen
für die Biologie der Naturerhaltung liefern, ohne dass den Versuchstieren
Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden. |