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14.3683 – Interpellation

Tierversuche. Wie zuverlässig sind die Resultate angesichts von 200 Millionen Franken öffentlicher Mittel pro Jahr?

Eingereicht von : Chevalley Isabelle
Einreichungsdatum : 08.09.2014
Eingereicht im : Nationalrat
Stand der Beratung : Erledigt

Suivre : http://www.parlament.ch/d/suche/Seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20143683

Eingereichter Text

Eine kürzlich von der McGill University in Kanada durchgeführte Studie hat gezeigt, dass bei Tierversuchen das Geschlecht der Person, die den Versuch durchführt, einen Einfluss auf das Resultat hat. Bei Versuchen mit Nagern hat die blosse Anwesenheit von Männern die Tiere so gestresst, dass die Analyseresultate anders ausfielen, als wenn keine Männer anwesend waren. Frauen beeinflussen die Resultate hingegen nicht. Diese Studie stellt viele der existierenden Resultate infrage. Sie kann auch erklären, weshalb es für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schwierig ist, die Resultate anderer Forschungsteams zu wiederholen.

Gemäss Statistiken werden an unseren Universitäten und Eidgenössischen Technischen Hochschulen immer mehr Tiere für Versuche verwendet, was zu jährlichen Kosten in der Höhe von 170 bis 240 Millionen Franken führt. Die Industrie hingegen reduziert die Anzahl Versuchstiere stetig. Man kann sich also berechtigterweise die Frage stellen, ob die öffentlichen Mittel gut investiert sind.

Zum Vergleich: Der Bund unterstützt die Forschung nach Alternativen zu Tierversuchen durch die Stiftung Forschung 3R lediglich mit 400 000 Franken.

Was noch schlimmer ist: Niemand weiss, wie viele als wirksam befundene Medikamente nie auf den Markt kommen, weil sie aufgrund von Tierversuchen frühzeitig aus dem Herstellungsprozess ausscheiden. Wenn wir uns bereits früher nur auf solche Versuchsmethoden gestützt hätten, müssten wir heute auf eine Menge nützlicher Medikamente, z. B. Aspirin, Ibuprofen, Insulin, Penicillin oder Phenobarbital, verzichten. Diese Substanzen führen nämlich bei bestimmten Tierarten zu schweren Gesundheitsschäden, da sich deren Stoffwechselprozesse von unseren unterscheiden.

Ich bitte daher den Bundesrat, folgende Fragen zu beantworten:

1. Wie kann der Bundesrat rechtfertigen, dass so viele öffentliche Mittel für Methoden aufgewendet werden, deren Zuverlässigkeit regelmässig infrage gestellt wird?

2. Wann beabsichtigt der Bundesrat die für die Erforschung von Alternativen nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen?

3. Warum nicht einfach die unnötigen Tierversuche verbieten, da bereits zuverlässigere und günstigere Alternativen existieren?

4. Das Tierschutzgesetz verlangt vom Bundesrat, die Forschung nach Alternativen zu fördern. Auf 1200 Tierversuche pro Jahr kommen aber lediglich fünf Forschungsprojekte, die nach dem 3R-Prinzip (reduce, refine, replace) durchgeführt werden. Ist der Bundesrat wirklich der Ansicht, er befolge das vom Parlament verabschiedete Gesetz?


Antwort des Bundesrates vom 05.11.2014

Die Forschung an und mit Tieren unterliegt dem Tierschutzgesetz (SR 455). Dieses fordert eine Güterabwägung zwischen den Interessen des Tieres und der Menschen. Dabei bilden die Entwicklung, Anerkennung und Anwendung von Methoden, die Tierversuche ersetzen, mit weniger Versuchstieren auskommen oder eine geringere Belastung derselben zur Folge haben, eine zentrale Grundlage (sogenanntes 3R-Prinzip: replace, reduce, refine). Artikel 22 des Tierschutzgesetzes verpflichtet den Bund, 3R-Forschung zu fördern. Im Jahre 1987 wurde die Stiftung Forschung 3R (SF3R) mit dem Auftrag, die Umsetzung der 3R-Prinzipien zu fördern, gegründet. Die Stiftung SF3R erhält zu gleichen Teilen finanzielle Mittel vom Bund und von der pharmazeutischen Industrie.

In einem Bericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle ("Tierversuche. Prüfung des Bewilligungsprozesses, der Kosten und der Finanzierung", Februar 2009) wurde erstmals eine Kostenabschätzung für Tierhaltungen der damals rund 330 000 Versuchstiere an den schweizerischen Hochschulen (ETH, Universitäten) vorgenommen. Die Gesamtkosten für Tierhaltungen wurden hierbei auf jährlich 82 Millionen Franken geschätzt, wovon der Bund durch Direktbeiträge an die beiden ETH und an die Universitäten rund 33 Millionen Franken trägt (vgl. Antwort auf die Anfrage Graf Maya 11.1085, "Öffentliche Gelder für Tierversuche. Mehr Transparenz").

Vor diesem Hintergrund können die Fragen folgendermassen beantwortet werden:

1. Das systematische Hinterfragen von Sinn und Notwendigkeit eines jeden Forschungsprojekts an und mit Tieren bildet aus Sicht des Bundesrates eine zentrale Voraussetzung zur Umsetzung des Tierschutzgesetzes. Diese Evaluation erfolgt sowohl ex ante im Bewilligungsverfahren von Forschungsprojekten wie anlässlich der Ex-post-Evaluation der Forschungsresultate. Dank dem vom Gesetz vorgeschriebenen und in der Forschungspraxis bewährten Prozess werden Projektgesuche mitsamt ihrer Methoden kritisch hinterfragt und nur genehmigt, wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind.

2. In der Schweiz werden Alternativen zu Tierversuchen mit Geldern der SF3R gefördert und Methoden entwickelt, durch welche die Anzahl Tierversuche verringert und die Belastung der Versuchstiere vermindert werden soll. Das Postulat der WBK-NR 12.3660, "Zukunft der Stiftung Forschung 3R und Alternativmethoden für Tierversuche", vom 17. August 2012 beauftragt den Bundesrat, in einem Bericht aufzuzeigen, wie die Erforschung von Alternativen zu Tierversuchen gefördert und deren Implementierung in der Forschung gestärkt werden kann. Dabei soll auch aufgezeigt werden, welche Perspektiven für die Zukunft der Stiftung 3R bestehen und welche Optionen offenstehen, um Institutionen und Forschende, die staatliche Unterstützungsgelder erhalten, zum Einsatz von Alternativmethoden bzw. zu Massnahmen zur Reduktion der Tierzahlen oder zur Verminderung der Belastung der Versuchstiere zu befähigen und zu verpflichten. Der Bericht ist zurzeit in Erarbeitung. Zur Frage der Interpellantin betreffend Zeitplan und Mittelbemessung kann sich der Bundesrat vor dem Vorliegen des Berichtes nicht äussern.

3. Im Zusammenhang mit der Zulassung von Arzneimitteln ist der Tierversuch zur Beurteilung möglicher Gesundheitsrisiken für Mensch und Tier oft unverzichtbar. Das Chemikalienrecht fördert die Anwendung von alternativen Testmethoden. Im Rahmen des OECD-Testmethoden-Programms arbeiten viele Staaten sowie die EU daran, neue Testmethoden als Ersatz für Tierversuche zu etablieren. Vor diesem Hintergrund werden in der Schweiz mit Geldern der SF3R oder der betroffenen Ämter Alternativen zu Tierversuchen bzw. Methoden entwickelt, durch welche die Anzahl Tierversuche verringert werden kann. Alternativmethoden für regulatorische Verfahren können aber erst nach deren Validierung international als Ersatz für Tierversuche verwendet werden.

Die Regulierungen im Bereich der Tierversuche in der EU gemäss Richtlinie 2010/63/EU stimmen weitgehend mit den Schweizer Tierschutzvorschriften überein. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass der Bundesrat aufgrund des revidierten Lebensmittelgesetzes das Inverkehrbringen von Kosmetika, die in Tierversuchen getestet worden sind, einschränken oder verbieten kann (analog Tierversuchsverbot gemäss EU-Verordnung über kosmetische Mittel, Verordnung EG Nr. 1223/2009).

4. Aus Sicht des Bundesrates ist es entscheidend, dass für jedes Forschungsprojekt an und mit Tieren die vom Tierschutzgesetz vorgeschriebene Güterabwägung durchgeführt wird. Vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen wird den Forschenden dazu ein "Leitfaden zur Durchführung der Güterabwägung" zur Verfügung gestellt (http://www.blv.admin.ch/themen/tierschutz/05459/index.html?lang=de). Es gehört auch zur Aufgabe der kantonalen Bewilligungsinstanzen und der wissenschaftlichen Begutachtung der Forschungsförderungsagenturen, der Beachtung des 3R-Prinzips Nachachtung zu verschaffen, durch die Forderung nach Verbesserungen und Ersatzmethoden für Tierversuche.


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