Die grosse Wüste
Im Allgemeinen
rechtfertigen die wissenschaftlichen Kreise
Tierversuche mit den Fortschritten, welche
auf diese Weise für die medizinische
Forschung erzielt werden können. Gegner
der Vivisektion hingegen beklagen nebst den
damit für die Tiere verbundenen Leiden
die Gefährlichkeit solcher Experimente
für die menschliche Gesundheit. Mit
dem Drohfinger weisen sie auf zahlreiche
wissenschaftliche Publikationen, ihre Nutzlosigkeit
und sogar Fehler hin, welche die Entwicklung
neuer Medikamente behindert haben.
Eine Frage wird
jedoch selten gestellt: Wo würde die wissenschaftliche Forschung
heute stehen, wenn die Entwicklung neuer
Studienmodelle gefördert worden wäre,
die anstelle von Tiere menschliche Gewebe
oder Computerdaten einsetzen.
Die Wissenschaftler
sind verständlicherweise
davon überzeugt, dass Tierversuche nützlich
sind. Dies gilt jedoch insbesondere für
ihre Portemonnaies.
An den Nebenwirkungen von Medikamenten, die
trotz zahlreichen an Tieren durchgeführten
Tests nicht erkannt werden, sterben jährlich
Tausende von Menschen (1). Wie unser Artikel
zum Antikörper TGN1412 beweist,
stellt die Gefährlichkeit der an freiwilligen
Testpersonen durchgeführten Tests ebenfalls
eine Realität dar.
Man kann sich also fragen, warum so wenige
Wissenschaftler an der Entwicklung von Studienmodellen
arbeiten, die für unsere Gesundheit
zuverlässiger und für die medizinische
Forschung effizienter sind. Die Antwort ist
einfach: Weil niemand sie unterstützt.
Sowohl beim Bund als auch bei den Kantonen
sieht keine der Stiftungen, welche die Forschung
an den Universitäten unterstützen,
diesbezüglich ernsthaft ein Budget vor,
Nahezu
keine Unterstützung
Im Gegensatz zur EU, die in den letzten zehn
Jahren über 200 Millionen Euro (2)
in die Validierung von Alternativmodellen
investierte, begnügt sich der Bund
mit einem miserablen Budget von jährlich
CHF 800‘000.-, das der Stiftung 3
R zur „Förderung von Alternativen
zu Tierversuchen“ zugestanden wird.
Die meisten politischen und wissenschaftlichen
Kreise erachten diese Unterstützung
im Übrigen als „beträchtlich“ und
nehmen gerne Bezug darauf (3). Alleine
der SNF wird im Bereich der medizinischen
Forschung vom Bund aber mit mehreren Hunderttausend
Millionen Franken (4) unterstützt,
wobei rund die Hälfte der Projekte
Tierversuche direkt einbeziehen. Befürworter
halten dem allerdings entgegen, der SNF
greife auch der Alternativforschung unter
die Arme. Dies entspricht aber nicht wirklich
der Realität. Von den einigen hundert
Projekten (470 im Jahr 2008), die jedes
Jahr von der Abteilung 3 „Biologie
und Medizin“ des SNF unterstützt
werden, lassen sich diejenigen, die den
Kriterien der 3 R entsprechen, an einer
Hand abzählen.
Stiftung
Forschung 3R - das Dornröschen
Die Alternativforschung zu unterstützen,
stellt eine Verpflichtung dar, die seit 1981
im Tierschutzgesetz verankert ist. Um dieser
Anforderung gerecht zu werden, gründete
der Bund 1987 die Stiftung Forschung 3R.
Dieser gehören Vertreter von National-
und Ständerat, von Interpharma (dazu
gehören insbesondere die Pharmagesellschaften
Novartis, Roche und Merck Serono) und der
Bundesverwaltung (BVET) an. Die Stiftung
könnte in diesem Bereich somit eine
interessante Rolle spielen. Nach rund zwanzigjähriger
Tätigkeit – das Jubiläum
wurde 2008 im grossen Stil mit Vorträgen
und der Herausgabe einer hübschen Broschüre
gefeiert, die rund 10‘000 Personen
zugestellt wurde – drängt sich
jedoch die Frage auf, über wen man sich
da lustig macht.
Budget: Glaubt
der Bundesrat wirklich, die Entwicklung
neuer Alternativmethoden in der Schweiz
mit einer durchschnittlichen Finanzierung
(5) von lächerlichen CHF 800'000.- pro
Jahr unterstützen zu können? Mit
der Gründung der Stiftung 3R hielt er
sich zudem für sehr schlau. So schlug
er vor, Interpharma solle die Hälfte
der budgetierten Summe übernehmen. Das
Unternehmen witterte rasch den grossen Gewinn.
Im Gegenzug zur jährlichen Beteiligung
von CHF 400‘000.- gewährt ihm
der Bund ein nahezu unbeschränktes Einsichtsrecht
in alle – als innovativ erachteten – Projekte,
die der Stiftung vorgelegt werden. Darüber
hinaus lässt sich Interpharma von der
Stiftung für die eigenen Studien bezahlen.
Zudem ist es recht schäbig, dass sich
ein Unternehmen wie Novartis, das jedes Jahr
Milliardengewinne erzielt (9,3 Milliarden
2008 und 13,2 Milliarden 2007), auf eigene
Rechnung aus der kleinen Kasse dieser Stiftung
bedient (6).
Mitglieder: Da
besteht also eine dynamische Stiftung,
der aber hauptsächlich Mitglieder
angehören, die durch ihre beruflichen
Tätigkeiten schon überbelastet
sind. Im Übrigen beklagen sich die von
der Stiftung unterstützten Wissenschaftler über
deren fehlende Dynamik. Abgesehen von den
Zehntausenden von Franken, mit denen ihnen
die Stiftung unter die Arme greift, ist diese
für sie von keinerlei Nutzen.
Äusserst aufschlussreich sind die Jahresberichte. Da der Bericht 2008
bei Redaktionsschluss (August 2009!) noch nicht vorlag, müssen die letzten
Neuigkeiten dem Bericht 2007 entnommen werden. Dieser zeigt beispielsweise,
dass der Stiftungsrat letztes Jahr ganze zwei Halbtage tagte… Was für
ein Riesenaufwand! Zu lesen ist auch, dass der Rat drei neue Projekte unterstützte,
deren elf aber ablehnte. Gleichzeitig beklagt er sich, es sei „immer
schwieriger, gute Projekte auszudenken.“
Schlichtweg unglaublich wird das Ganze in
Anbetracht der Tatsache, dass die öffentlichen
Vertreter dieser Stiftung auch Anhänger
der Tierversuche sind. Das offenkundigste
Beispiel ist die derzeitige Präsidentin
des Stiftungsrates, die Ständerätin
Christine Egerszegi-Obrist. Im Rahmen einer
Session brachte sie die Initiative der Nationalrätin
Maya Graf (06.464) zu Fall, die ein Verbot
der schmerzhaften Tierversuche an Primaten
gefordert hatte. Als Präsidentin der – ausschliesslich
von Interpharma finanzierten - Stiftung GEN
SUISSE (7) lud sie sämtliche Parlamentarier
ein, an den Vorträgen (8) von Dr. Paul
Herrling (9) von Novartis und Prof. Eric
Rouiller von der Universität Freiburg
teilzunehmen. Diese befassten sich mit der
Notwendigkeit, Tierversuche an Affen weiterzuführen.
Am 20. Dezember 2007 wurde die Initiative
06.464 mit 103 Gegenstimmen bei 68 Befürwortern
abgelehnt.
Somit ist es auch nicht weiter verwunderlich,
dass Christine Egerszegi-Obrist ihre Einleitung
zur Broschüre, die anlässlich des
20-jährigen Bestehens der Stiftung 3R
herausgegeben wurde, mit folgender Erklärung
beginnt: „Auf Tierversuche lässt
sich nicht ganz verzichten.“
Unterstützte Projekte: Man kann dieser
Stiftung vieles vorwerfen und im Gegenzug
der Parteilichkeit bezichtigt werden. Eine
Bilanz trügt jedoch nicht: Im Rahmen
ihrer 21-jährigen Aktivität wurden
nur 114 Projekte unterstützt. Dies sind
weniger als sechs Projekte pro Jahr. Im Vergleich
dazu werden in der Schweiz jährlich
800 bis 900 neue Bewilligungen für Tierversuche
erteilt. Fragwürdig ist zudem die Tatsache,
dass von fünfzig Projekten, die in den
letzten zehn Jahren unterstützt wurden,
neun - also fast jedes fünfte - Forscher
betrafen, die nicht in der Schweiz tätig
waren.
Am schlimmsten mutet jedoch die Tatsache
an, dass die Stiftung mit ihrer Tätigkeit
zufrieden ist. Die Schuld an ihrer mangelnden
Aktivität schiebt sie einfach den Forschern
in die Schuhe.
Rasche Änderungen
sind dringend notwendig
Es ist höchste Zeit, dass der herrschende
Mummenschanz ein Ende nimmt und sich der
Bund in diesem Bereich wirklich engagiert.
Als erstes steht 2010 die Neuwahl der Mitglieder
in den Stiftungsrat an. Dieser kann sich
somit bereits auf die Nachfolge der amtierenden
Präsidentin vorbereiten. Zudem muss
er die Stiftung mit einem echten Budget ausstatten,
um ihre Aufgaben zu fördern. Natürlich
muss künftig auf jede Beteiligung von
Interpharma verzichtet werden, die sich in
keiner Weise rechtfertigen lässt. Der
SNF beispielsweise finanziert Hunderte von
Projekten, ohne vorgängig um die Zustimmung
der Pharmagesellschaften zu betteln. Dasselbe
müsste auch für die Stiftung möglich
sein.
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(1) Das „Journal of the American Medical
Association“ (JAMA) berichtete in seiner
Ausgabe vom 15. April 1998 darüber,
dass in den USA jährlich rund 100'000
Todesfälle auftreten. Am 22. Juni 1998
erklärte der französische Gesundheitsminister
in einer Rede, die er im Rahmen der nationalen
Gesundheitskonferenz hielt: „Man kann
davon ausgehen, dass jährlich rund 128‘000
Hospitalisierungen auf Krankheiten durch
medizinische Behandlung zurückzuführen
sind.“ Im Dezember 2005 waren 140‘000
Hospitalisierungen und 13‘000 erwiesene
Todesfälle zu beklagen.
(2) http://www.parlament.ch/d/suche/seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20091049
(3) Auf der Website
der Stiftung GEN SUISSE beispielsweise
ist im Zusammenhang mit der Stiftung 3R
von der „Investition beträchtlicher
Mittel in die Forschung zur Verbesserung
von Tierversuchen und zur Entwicklung von
Alternativmethoden“ die Rede.
(4) Im Jahr 2008
unterstützte der Bund
den SNF (Schweizerischen Nationalfonds zur
Förderung der wissenschaftlichen Forschung)
mit 662 Millionen Franken. 280 Millionen
Franken wurden in Projekte der Abteilung
3 investiert. Dies entspricht 42% des Gesamtbudgets
des SNF.
(5) 2007 wurde
das Budget auf einen Gesamtbetrag von CHF
930‘000 leicht angehoben. Für
Projekte waren aber nur CHF 812‘000
bestimmt. Ab 2008 verpflichtete sich Interpharma,
jährlich CHF 600‘000.- zu entrichten.
Dies aber nur unter der Bedingung, dass der
Bund den gleichen Betrag ausbezahlt.
(6) 3R Projekt
67-99 „Human monocyte-derived
dendritic cells as in vitro indicators for
contact allergic potential of chemicals“,
Dr Peter Ulrich PCS/GENEX-Experimental Toxicology,
Novartis Pharma AG, Basel
(7) Ziel der Stiftung
GEN SUISSE „für
eine verantwortungsvolle Ethik“ ist
die „Förderung des Dialogs und
des Wissens über Gentechnik in der Bevölkerung“.
Nebst der Ständerätin Christine
Egerszegi-Obrist gehören auch die Parlamentarier
Martine Brunschwig Graf (NR/GE), Theophil
Pfister (NR/SG), Eva Segmüller (NR/SG),
Anne Seydoux (SR/JU) und Markus Zemp (NR/AG)
dem Vorstand dieser Stiftung an.
(8) http://www.gensuisse.ch/focus/transg/index.html
(9) In seinem
Vortrag ging Dr. Paul Herrling, der ebenfalls
dem Rat der Stiftung 3R angehört,
der Frage nach: „Warum Primatenversuche
in der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung
unverzichtbar sind“. Prof. Rouiller
befasste sich mit dem Thema: „Von der
Grundlagenforschung zur Medizin: Makaken
als unersetzliche Tiermodelle für die
zukünftige Behandlung von Rückenmarkverletzungen“. |