September 2009 - Schweiz – Finanzielle Unterstützung von Alternativmethoden

Die grosse Wüste

Im Allgemeinen rechtfertigen die wissenschaftlichen Kreise Tierversuche mit den Fortschritten, welche auf diese Weise für die medizinische Forschung erzielt werden können. Gegner der Vivisektion hingegen beklagen nebst den damit für die Tiere verbundenen Leiden die Gefährlichkeit solcher Experimente für die menschliche Gesundheit. Mit dem Drohfinger weisen sie auf zahlreiche wissenschaftliche Publikationen, ihre Nutzlosigkeit und sogar Fehler hin, welche die Entwicklung neuer Medikamente behindert haben.

Eine Frage wird jedoch selten gestellt: Wo würde die wissenschaftliche Forschung heute stehen, wenn die Entwicklung neuer Studienmodelle gefördert worden wäre, die anstelle von Tiere menschliche Gewebe oder Computerdaten einsetzen.

Die Wissenschaftler sind verständlicherweise davon überzeugt, dass Tierversuche nützlich sind. Dies gilt jedoch insbesondere für ihre Portemonnaies.
An den Nebenwirkungen von Medikamenten, die trotz zahlreichen an Tieren durchgeführten Tests nicht erkannt werden, sterben jährlich Tausende von Menschen (1). Wie unser Artikel zum Antikörper TGN1412 beweist, stellt die Gefährlichkeit der an freiwilligen Testpersonen durchgeführten Tests ebenfalls eine Realität dar.
Man kann sich also fragen, warum so wenige Wissenschaftler an der Entwicklung von Studienmodellen arbeiten, die für unsere Gesundheit zuverlässiger und für die medizinische Forschung effizienter sind. Die Antwort ist einfach: Weil niemand sie unterstützt. Sowohl beim Bund als auch bei den Kantonen sieht keine der Stiftungen, welche die Forschung an den Universitäten unterstützen, diesbezüglich ernsthaft ein Budget vor,

Nahezu keine Unterstützung
Im Gegensatz zur EU, die in den letzten zehn Jahren über 200 Millionen Euro (2) in die Validierung von Alternativmodellen investierte, begnügt sich der Bund mit einem miserablen Budget von jährlich CHF 800‘000.-, das der Stiftung 3 R zur „Förderung von Alternativen zu Tierversuchen“ zugestanden wird. Die meisten politischen und wissenschaftlichen Kreise erachten diese Unterstützung im Übrigen als „beträchtlich“ und nehmen gerne Bezug darauf (3). Alleine der SNF wird im Bereich der medizinischen Forschung vom Bund aber mit mehreren Hunderttausend Millionen Franken (4) unterstützt, wobei rund die Hälfte der Projekte Tierversuche direkt einbeziehen. Befürworter halten dem allerdings entgegen, der SNF greife auch der Alternativforschung unter die Arme. Dies entspricht aber nicht wirklich der Realität. Von den einigen hundert Projekten (470 im Jahr 2008), die jedes Jahr von der Abteilung 3 „Biologie und Medizin“ des SNF unterstützt werden, lassen sich diejenigen, die den Kriterien der 3 R entsprechen, an einer Hand abzählen.

Stiftung Forschung 3R - das Dornröschen
Die Alternativforschung zu unterstützen, stellt eine Verpflichtung dar, die seit 1981 im Tierschutzgesetz verankert ist. Um dieser Anforderung gerecht zu werden, gründete der Bund 1987 die Stiftung Forschung 3R. Dieser gehören Vertreter von National- und Ständerat, von Interpharma (dazu gehören insbesondere die Pharmagesellschaften Novartis, Roche und Merck Serono) und der Bundesverwaltung (BVET) an. Die Stiftung könnte in diesem Bereich somit eine interessante Rolle spielen. Nach rund zwanzigjähriger Tätigkeit – das Jubiläum wurde 2008 im grossen Stil mit Vorträgen und der Herausgabe einer hübschen Broschüre gefeiert, die rund 10‘000 Personen zugestellt wurde – drängt sich jedoch die Frage auf, über wen man sich da lustig macht.

Budget: Glaubt der Bundesrat wirklich, die Entwicklung neuer Alternativmethoden in der Schweiz mit einer durchschnittlichen Finanzierung (5) von lächerlichen CHF 800'000.- pro Jahr unterstützen zu können? Mit der Gründung der Stiftung 3R hielt er sich zudem für sehr schlau. So schlug er vor, Interpharma solle die Hälfte der budgetierten Summe übernehmen. Das Unternehmen witterte rasch den grossen Gewinn. Im Gegenzug zur jährlichen Beteiligung von CHF 400‘000.- gewährt ihm der Bund ein nahezu unbeschränktes Einsichtsrecht in alle – als innovativ erachteten – Projekte, die der Stiftung vorgelegt werden. Darüber hinaus lässt sich Interpharma von der Stiftung für die eigenen Studien bezahlen. Zudem ist es recht schäbig, dass sich ein Unternehmen wie Novartis, das jedes Jahr Milliardengewinne erzielt (9,3 Milliarden 2008 und 13,2 Milliarden 2007), auf eigene Rechnung aus der kleinen Kasse dieser Stiftung bedient (6).

Mitglieder: Da besteht also eine dynamische Stiftung, der aber hauptsächlich Mitglieder angehören, die durch ihre beruflichen Tätigkeiten schon überbelastet sind. Im Übrigen beklagen sich die von der Stiftung unterstützten Wissenschaftler über deren fehlende Dynamik. Abgesehen von den Zehntausenden von Franken, mit denen ihnen die Stiftung unter die Arme greift, ist diese für sie von keinerlei Nutzen.
Äusserst aufschlussreich sind die Jahresberichte. Da der Bericht 2008 bei Redaktionsschluss (August 2009!) noch nicht vorlag, müssen die letzten Neuigkeiten dem Bericht 2007 entnommen werden. Dieser zeigt beispielsweise, dass der Stiftungsrat letztes Jahr ganze zwei Halbtage tagte… Was für ein Riesenaufwand! Zu lesen ist auch, dass der Rat drei neue Projekte unterstützte, deren elf aber ablehnte. Gleichzeitig beklagt er sich, es sei „immer schwieriger, gute Projekte auszudenken.“
Schlichtweg unglaublich wird das Ganze in Anbetracht der Tatsache, dass die öffentlichen Vertreter dieser Stiftung auch Anhänger der Tierversuche sind. Das offenkundigste Beispiel ist die derzeitige Präsidentin des Stiftungsrates, die Ständerätin Christine Egerszegi-Obrist. Im Rahmen einer Session brachte sie die Initiative der Nationalrätin Maya Graf (06.464) zu Fall, die ein Verbot der schmerzhaften Tierversuche an Primaten gefordert hatte. Als Präsidentin der – ausschliesslich von Interpharma finanzierten - Stiftung GEN SUISSE (7) lud sie sämtliche Parlamentarier ein, an den Vorträgen (8) von Dr. Paul Herrling (9) von Novartis und Prof. Eric Rouiller von der Universität Freiburg teilzunehmen. Diese befassten sich mit der Notwendigkeit, Tierversuche an Affen weiterzuführen. Am 20. Dezember 2007 wurde die Initiative 06.464 mit 103 Gegenstimmen bei 68 Befürwortern abgelehnt.
Somit ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass Christine Egerszegi-Obrist ihre Einleitung zur Broschüre, die anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Stiftung 3R herausgegeben wurde, mit folgender Erklärung beginnt: „Auf Tierversuche lässt sich nicht ganz verzichten.“

Unterstützte Projekte: Man kann dieser Stiftung vieles vorwerfen und im Gegenzug der Parteilichkeit bezichtigt werden. Eine Bilanz trügt jedoch nicht: Im Rahmen ihrer 21-jährigen Aktivität wurden nur 114 Projekte unterstützt. Dies sind weniger als sechs Projekte pro Jahr. Im Vergleich dazu werden in der Schweiz jährlich 800 bis 900 neue Bewilligungen für Tierversuche erteilt. Fragwürdig ist zudem die Tatsache, dass von fünfzig Projekten, die in den letzten zehn Jahren unterstützt wurden, neun - also fast jedes fünfte - Forscher betrafen, die nicht in der Schweiz tätig waren.
Am schlimmsten mutet jedoch die Tatsache an, dass die Stiftung mit ihrer Tätigkeit zufrieden ist. Die Schuld an ihrer mangelnden Aktivität schiebt sie einfach den Forschern in die Schuhe.

Rasche Änderungen sind dringend notwendig
Es ist höchste Zeit, dass der herrschende Mummenschanz ein Ende nimmt und sich der Bund in diesem Bereich wirklich engagiert. Als erstes steht 2010 die Neuwahl der Mitglieder in den Stiftungsrat an. Dieser kann sich somit bereits auf die Nachfolge der amtierenden Präsidentin vorbereiten. Zudem muss er die Stiftung mit einem echten Budget ausstatten, um ihre Aufgaben zu fördern. Natürlich muss künftig auf jede Beteiligung von Interpharma verzichtet werden, die sich in keiner Weise rechtfertigen lässt. Der SNF beispielsweise finanziert Hunderte von Projekten, ohne vorgängig um die Zustimmung der Pharmagesellschaften zu betteln. Dasselbe müsste auch für die Stiftung möglich sein.

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(1) Das „Journal of the American Medical Association“ (JAMA) berichtete in seiner Ausgabe vom 15. April 1998 darüber, dass in den USA jährlich rund 100'000 Todesfälle auftreten. Am 22. Juni 1998 erklärte der französische Gesundheitsminister in einer Rede, die er im Rahmen der nationalen Gesundheitskonferenz hielt: „Man kann davon ausgehen, dass jährlich rund 128‘000 Hospitalisierungen auf Krankheiten durch medizinische Behandlung zurückzuführen sind.“ Im Dezember 2005 waren 140‘000 Hospitalisierungen und 13‘000 erwiesene Todesfälle zu beklagen.

(2) http://www.parlament.ch/d/suche/seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20091049

(3) Auf der Website der Stiftung GEN SUISSE beispielsweise ist im Zusammenhang mit der Stiftung 3R von der „Investition beträchtlicher Mittel in die Forschung zur Verbesserung von Tierversuchen und zur Entwicklung von Alternativmethoden“ die Rede.

(4) Im Jahr 2008 unterstützte der Bund den SNF (Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) mit 662 Millionen Franken. 280 Millionen Franken wurden in Projekte der Abteilung 3 investiert. Dies entspricht 42% des Gesamtbudgets des SNF.

(5) 2007 wurde das Budget auf einen Gesamtbetrag von CHF 930‘000 leicht angehoben. Für Projekte waren aber nur CHF 812‘000 bestimmt. Ab 2008 verpflichtete sich Interpharma, jährlich CHF 600‘000.- zu entrichten. Dies aber nur unter der Bedingung, dass der Bund den gleichen Betrag ausbezahlt.

(6) 3R Projekt 67-99 „Human monocyte-derived dendritic cells as in vitro indicators for contact allergic potential of chemicals“, Dr Peter Ulrich PCS/GENEX-Experimental Toxicology, Novartis Pharma AG, Basel

(7) Ziel der Stiftung GEN SUISSE „für eine verantwortungsvolle Ethik“ ist die „Förderung des Dialogs und des Wissens über Gentechnik in der Bevölkerung“. Nebst der Ständerätin Christine Egerszegi-Obrist gehören auch die Parlamentarier Martine Brunschwig Graf (NR/GE), Theophil Pfister (NR/SG), Eva Segmüller (NR/SG), Anne Seydoux (SR/JU) und Markus Zemp (NR/AG) dem Vorstand dieser Stiftung an.

(8) http://www.gensuisse.ch/focus/transg/index.html

(9) In seinem Vortrag ging Dr. Paul Herrling, der ebenfalls dem Rat der Stiftung 3R angehört, der Frage nach: „Warum Primatenversuche in der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung unverzichtbar sind“. Prof. Rouiller befasste sich mit dem Thema: „Von der Grundlagenforschung zur Medizin: Makaken als unersetzliche Tiermodelle für die zukünftige Behandlung von Rückenmarkverletzungen“.

Was sind Methoden, die Tierversuche ersetzen?

Es handelt sich um Versuchsmethoden, bei denen keine lebenden Tiere eingesetzt werden. Die Ersatzmethoden – auch Alternativmethoden genannt – verwenden unter anderem Zellkulturen oder menschliche Gewebe und Computermodelle. Die spektakulären Fortschritte, die bei der Entwicklung solcher Methoden erzielt wurden, erlauben es den Wissenschaftlern inzwischen, gewisse menschliche Krankheitsbilder an menschlichem Material zu untersuchen und somit auf Tierversuche zu verzichten.

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Stiftungsrat Forschung 3R

Dem Stiftungsrat gehören derzeit acht Mitglieder an – zwei Vertreter der parlamentarischen Gruppe (ein dritter Posten ist vakant) sowie zwei Vertreter der Tierschutzverbände, von Interpharma und des Bundesamtes für Veterinärwesen. Zu den Mitgliedern gehören:

Christine Egerszegi-Obrist, Ständerätin, Mellingen (Präsidentin)
Peter Bossard, Horw (Vizepräsident)
Chantal Galladé, Nationalrätin, Winterthur
Franz P. Gruber, Zürich
Paul Herrling, Forschungsleiter Novartis International AG, Basel
Silvia Matile-Steiner, Rechtsanwältin, Roche, Basel
Ursula Moser, BVET, Bern-Liebefeld
Hans Wyss, Direktor des BVET, Bern-Liebefeld

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Das 1981 in Kraft getretene Tierschutzgesetz (TSchG) erwähnt die Verpflichtung des Bundes, Methoden zu unterstützen, die Tierversuche ersetzen. Auf diese Verfügung wiesen National- und Ständerat im Rahmen der Abstimmung zum neuen TSchG durch das Parlament im Jahr 2005 hin.

Art.22 (TSchG)
1 Der Bund betreibt und unterstützt die tierschutzrelevante wissenschaftliche Forschung.
2 Er fördert in Zusammenarbeit mit Hochschulen und Industrie insbesondere die Entwicklung, Anerkennung und Anwendung von Methoden, die Tierversuche ersetzen, mit weniger Versuchstieren auskommen oder eine geringere Belastung derselben zur Folge haben. Er fördert im Besonderen Forschungsprojekte, welche die Ausschaltung von Schmerzen, Leiden oder Ängsten bei Eingriffen zum Ziele (…) haben.