Aussterbende
Frösche in Ägypten
Während die menschliche Bevölkerung
in Ägypten explosionsartig zunimmt,
sind andere Lebewesen vom Aussterben
bedroht. Das Quaken der Frösche,
die einst in grosser Zahl in den Gewässern
des Nils lebten, war stets überall
im Land zu hören. Seit einigen Jahren
ist das vertraute Geräusch aber
nahezu verschwunden.
Dr. Samy Zalat,
Professor für Biodiversität
und Evolutionsbiologie am ägyptischen
Umweltministerium, machte als erster
auf das Problem aufmerksam. Die Amphibien
seien gleich in mehrfacher Hinsicht bedroht.
Durch die Bevölkerungsexplosion
werde ihr natürliches Umfeld zerstört.
Wegen Pestiziden, die in die Kanäle
gerieten, würden die Tiere zudem
vergiftet oder verstümmelt. Andere
Räuber wie Schlangen, Eidechsen
und sogar Vögel stellten ebenfalls
eine Gefahr für die Tiere dar. Am
gefährlichsten sei wohl der Louisiana-Flusskrebs
(Procambarus clarkii). Der aus Südamerika
stammende Krebs, der den Nil heimgesucht
hat, ernährt sich hauptsächlich
von Kaulquappen. Das Ökosystem ist
deshalb stark gestört. Abschliessend
meint Dr. Zalat jedoch: „Das eigentliche
Problem ist aber das massive Einfangen
von Fröschen, die bei Tierversuchen
an den Universitäten eingesetzt
werden.“
Praktische Arbeiten und Tierversuche
Der Frosch ist in Ägypten mit Sicherheit
das am häufigsten sezierte Tier.
Er lässt sich leicht einfangen und
kann kostengünstig gelagert werden.
Zudem gleicht sein Bau demjenigen der
meisten Säugetiere.
An den medizinischen und pharmakologischen
Fakultäten sämtlicher Universitäten
in Ägypten werden Sezierkurse erteilt.
Laut einer von Dr. Zalat durchgeführten
Studie sezieren die Studierenden der
verschiedenen Fakultäten jährlich
rund fünfzehn Frösche.
„Bei durchschnittlich 6’000 Studierenden pro wissenschaftlichem
Gymnasium und dreizehn öffentlichen Universitäten mit mehreren wissenschaftlichen
Fakultäten wird die Zahl der jährlich sezierten Frösche auf
1,1 Millionen geschätzt“, erklärt Dr. Zalat.
Zudem werden nicht alle Frösche
verwendet. Während einige zu klein
sind, sterben andere beim Einfangen oder
Halten. Gemäss Dr. Zalat beträgt
die tatsächliche Zahl der sezierten
Tiere 1,5 Millionen.
Wie schon
sein Vater lebt Rashed El-Refaey vom
Froschfang und verkauft die Tiere an
die wissenschaftlichen Fakultäten.
Er hat das Problem erkannt: „Die
Fakultäten der Universität
Kairo bestellen jährlich 250'000
Frösche. Diese können während
neun Monaten eingefangen werden. Diesen
Ansprüchen zu genügen, erweist
sich als schwierig. Ich muss bis nach
Südägypten reisen, um genügend
Frösche zu finden.“
Katastrophale Haltebedingungen
Tausende von Fröschen werden in
kleinen Bassins gehalten. Gemäss
den Schätzungen von Dr. Zalat ersticken
10% der Tiere. „Die Art, wie die
Frösche während dem Sezieren
gehalten werden, verstösst gegen
die Religion. Es kann vorkommen, dass
sie während einem Versuch erwachen.
Zudem gibt es keine Anweisungen, was
mit den Tieren nach ihrer Verwendung
geschehen soll. Meistens werden sie mit
dem Abfall entsorgt.“
Eine Studentin der pharmakologischen
Fakultät erklärt: „Ich
seziere nicht gerne Frösche. Ich
habe das Gefühl, ein lebendes Tier
zu töten. Für mich als Studentin
zählen aber nur das Studium und
der Erfolg. Ich kümmere mich nicht
um die Umwelt.“ Eine andere Studentin
meint: „Wie können Frösche
angesichts der vielen Eier, die sie legen, überhaupt
aussterben?“
„Von den zahlreichen Eiern überleben nur 10%“, erklärt
Dr. Zalat. „Von diesen wiederum wird
eine grosse Zahl zum Sezieren verwendet.“
Seiner Ansicht nach hat das Verschwinden
der Frösche zur Folge, dass das Ökosystem
durcheinander gerät. „Frösche
und Kaulquappen spielen eine wichtige
Rolle in der Nahrungskette. Sie sind
auch wichtig, um die explosionsartige
Vermehrung von Mücken und Fliegen
zu verhindern.“
Computermodelle als Ersatz von Tierversuchen
Andere Tierarten wie Schlangen und Skorpione
sind am Mittelmeer bereits verschwunden.
Im Rahmen einer Pressekonferenz wurde
ein Projekt lanciert, das den Einsatz
von Computern statt Tieren ermöglicht.
Bis das Vorhaben aber umgesetzt wird,
werden weiterhin zahlreiche Frösche
eingefangen.
„Noch vor zehn Jahren konnte ich in einer Stunde tausend Frösche
fangen“, meint Rashed El-Refaey. „Vor einigen Monaten benötigten
vier Personen vier Tage, um 140 Frösche einzufangen. Ich fürchte,
dass wir diese Tiere eines Tages aus den Vereinigten Staaten importieren müssen,
um dem Bedarf an den ägyptischen Universitäten zu entsprechen.“
Zusammenfassung
eines übersetzten
und im April 2007 publizierten Artikels
der „Zeitung Turkish Weekly“ aus
Ankara |