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Nestlé bis
zum „Geht-nicht-mehr“
28.
September 2010. Die Presse feiert
das Event. Dies gilt zumindest
für die Westschweizer Presse.
Mit der Ankündigung Nestlés,
innerhalb von zehn Jahren 500 Millionen
Franken in ein neues Institut der
Ecole polytechnique fédérale
(EPFL) investieren zu wollen, wird
der Genferseebogen zum immer stärkeren
Konkurrenten des Zürcher Forschungspools.
Nestlé geht dabei äusserst
durchdacht vor. „Auf
den Gesundheitswissenschaften basierend
werden wir in zehn Jahren im Ernährungsbereich
führend sein“, erklärt Luis Cantarell, Generaldirektor
von „Nestlé Health
Science“. Das Institut, das
ein ehemaliger wissenschaftlicher
Direktor einer Biotechnologiefirma
in San Diego leiten soll, wird
sich auf die biomedizinische Forschung
konzentrieren, um menschliche Krankheiten
und den Alterungsprozess besser
verstehen zu können.
Man könnte es auch anders
sagen: Da der traditionelle Yoghurtmarkt
demnächst gesättigt ist,
möchte Nestlé ein Yoghurt
mit Heilwirkung kreieren. Dies
soll sogar wirken, bevor man überhaupt
krank wird.
„Wir müssen die Gesundheitsprobleme besser vorwegnehmen und
Produkte finden, mit denen man beispielsweise Alzheimer oder Altersbeschwerden
bekämpfen kann. Wenn die Produkte entschädigt werden, soll dies auch
gelten, wenn Sie noch nicht krank sind“, erklärte Peter Brabeck,
derzeitiger Präsident von Nestlé und ehemaliger Verwalter der Pharmagruppe
La Roche, im Brustton der Überzeugung. Bezüglich der Art, die Produkte
zu vertreiben, erklärte der Generaldirektor, alles sei möglich. „Einige
könnten in der Apotheke gegen Rezept verkauft werden. Denkbar ist aber
auch ein freier Handel. Der Durchschnittspreis steht noch nicht fest.“ Bei
einem Produkt, das noch nicht einmal hergestellt wurde, ist dies nicht allzu
erstaunlich.
„Medikamentenyoghurts?
So ein Quatsch!“
Im April 2010 lobte die Presse
das therapeutische Potenzial des
Functional Foods noch nicht so überschwänglich.
Eine grosse Zeitung bezeichnete
die Produkte sogar als „Quatsch“.
Dieses Urteil fällte sie,
nachdem die Europäische Behörde
für Lebensmittelsicherheit
(EFSA) der Firma Danone untersagt
hatte, in ihrer Werbung für
die Wunderyoghurts „Activia“ und „Actimel“ von
einem gesundheitsfördernden
Aspekt zu sprechen. Von 2005 bis
2008 hatte Danone sein Budget „Forschung
und Entwicklung“ bereits
von 3 auf 30 Millionen Euro aufgestockt.
Auch Nestlé investierte
seelenruhig in den vielversprechenden
Markt. Seit 2006 unterstützt
das Unternehmen die EPFL jährlich
mit fünf Millionen Franken,
um „den Zusammenhang zwischen
Ernährung und Gehirn“ zu
untersuchen. Die EPFL war begeistert über
das Abkommen und sprach „vom
wichtigsten Abkommen einer akademischen
Partnerschaft, das je mit einem
Privatunternehmen abgeschlossen
worden war.“
Die EPFL versicherte: „Die
Professoren werden über jeglichen
akademischen Spielraum und Publikationsfreiheit
verfügen. In Verbindung mit
Nestlé wird ein wissenschaftliches
Komitee die Forschungsachsen erarbeiten
(sic!).“ Sich auf akademische
Freiheit zu berufen, während
ein Finanzgeber vorschreibt, was
zu untersuchen ist, stellt ein
ziemlich starkes Stück dar.
Mit seinem Vorgehen strebte Nestlé ein „breites
Untersuchungsfeld an, das alle
Etappen der Existenz umfasst“. Dies
gilt insbesondere für „die
Rolle, welche die Ernährung
in der Hirnentwicklung der Kinder
spielt“. Für derart
hochrangige Untersuchungen werden
Ratten krank gemacht. Anschliessend
wird untersucht, ob sich die Tiere
mit dieser Art von Ernährung
heilen lassen. |
Eine
erbärmliche Forschung
in einem
laschen Kanton
Ob
Nestlé sein Geld in
absurden Forschungen verschleudert,
ist nicht von Belang. Das Verhalten
der EPFL, die sich darüber
freut, ihre künftigen Forschenden
in einem derart unwichtigen Bereich
wirken zu lassen, ist nicht allzu
glorreich. Völlig verschwiegen
haben die Medien in ihrer Berichterstattung
aber die unzähligen Leiden,
die den Tieren bei solchen Versuchen
beigefügt werden. Die Forschung,
welche Nestlé betreibt,
ist eine Schande. Dasselbe gilt
für die Vorgehensweisen bei
den Tierversuchen und die Leiden,
die damit für die Tiere verbunden
sind.
Nestlés Experimente bestehen
nicht darin, Tausende von Tieren
mit einem Yoghurt vollzustopfen,
das mit einem wunderbaren Bifidus
angereichert wurde. Bevor all diese
Tiere bis zum Geht-nicht-mehr Bifidus
erhielten, wurden ihnen mit Hilfe
von Spritzen, durch Vergiftung
oder andere Methoden Krankheiten übertragen.
In den Waadtländer Labors
werden heutzutage Tiere vergiftet,
um die therapeutische Wirkung eines
Produkts zu prüfen, das über
keine oder nur eine geringe derartige
Wirkung verfügt.
Solch erbärmliche Versuche
sind nur dank dem laschen Verhalten
der Waadtländer Behörden
möglich. Diese hatten nie
den Mut, die überflüssigen
und grausamen Experimente zu verbieten.
Was zählt, sind einzig die
Investitionen in die Forschung
und die Ausstrahlung, welche diese
den so genannten „Hoch“-Schulen
des Kantons bescheren soll.
In Anbetracht
dieser Tatsachen stellt sich
die Frage, wer auf die Durchführung solch beschämender
Versuche stolz sein kann...
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Die
Krankheiten, die Nestlé bekämpfen
möchte, sind teilweise auf
eine zu üppige und unausgewogene
Ernährung zurückzuführen.
Auf die Frage, ob der Multi auch
die Verwendung schädlicher
Substanzen wie Palmöl zur
Herstellung seiner Massenkonsumprodukte
reduzieren möchte, erklärte
Nestlé-Generaldirektor Paul
Bulcke die Frage als „nicht
relevant“.
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November 2006, Begeisterung
des Präsidenten der
EPFL sowie der Vertreter
von Nestlé bei der
Unterzeichnung des Abkommens.
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September 2010, gediegener
Stil mit einer „Degustation
von Functional Food“ bei
Abschluss der Medienkonferenz
durch die führenden
Köpfe von Nestlé.
Die EPFL ist von der Bildfläche
verschwunden – Nestlé ist
nun unter sich.
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