Christopher
Andereggs wütendes Aufstossen
Jeweils
im Frühling wird
Dr. Anderegg von einer gewissen
Fieberhaftigkeit gepackt und verteilt
nach allen Seiten Flyer und Anzeigen "gegen" Tierversuche.
Steigt ihm wie der blühenden
Vegetation um ihn herum der Saft
ins Gehirn? Dieses Jahr richtet
sich seine Kampagne gegen eine
andere Zielscheibe. Statt seiner
ehemaligen Kollegen, die Tierversuche
betreiben, hat er nun die Tierschutzorganisationen
im Visier, die seiner Ansicht nach
Alternativ- oder Ersatzmethoden
unterstützen.
Seine
ehemaligen Kolleginnen und Kollegen
waren mit Sicherheit froh, ihn
endlich los zu werden. Nun werden
sie darüber jubeln,
dass er sich auf die Seite des „Tierschutzes" geschlagen
hat.
Dr. Anderegg bedauert es, viele
düstere Jahre in einem Labor
verbracht zu haben. Inzwischen
leidet er darunter, dass er als
einziger wirklich etwas gegen Tierversuche
unternimmt. Als wahrhaftiger Don
Quichotte veröffentlicht er
seit vielen Jahren zahlreiche Anzeigen
und Schriften, aber auch seine
berühmte schwarze Liste "der
Tierschutzorganisationen in der
Schweiz, die am "3R-Konzept" festhalten
und gleichwertige "Alternativmethoden" zu
Tierversuchen fördern und/oder
finanzieren".
Zu seinen Zielscheiben gehören
die ATRA, Animalfree Research,
die Stiftung für das Tier
im Recht (TIER), natürlich
die SLGV, die er beschuldigt, einen
Kurs „zur Förderung
der Vivisektion" finanziert
zu haben (siehe nach stehenden
Artikel), die Ärztinnen und Ärzte
für Tierschutz in der Medizin
(ATM), der Schweizer Tierschutz
(STS), der Zürcher Tierschutz,
die Société Vaudoise
pour la Protection des Animaux
(SVPA), der Tierschutzbund, Dübendorf,
der Tierschutzbund Basel, Tierrechts-Signet,
VETO und Vier Pfoten.
Dr. Anderegg schliesst seine Liste
mit folgender Erklärung: "Es
ist schwierig genug, die Propaganda
der Tierversuchslobby (Pharmaindustrie,
Hochschulen, Wirtschaft, Politik
und Medien) zu bekämpfen.
Dass aber auch Tierschutzorganisationen
Tierversuche als eine nützliche
und notwendige Forschungsmethode
betrachten, die man nicht abschaffen,
sondern nur durch gleichwertige – und
deshalb ebenso wertlose, nicht
aussagekräftige – "Alternativmethoden" vermindern
und ersetzen könne, ist äusserst
bedauerlich. Der Verein zur Abschaffung
der Tierversuche ist und bleibt
die einzige Anti-Tierversuchs-Organisation
in der Schweiz, die den 3R-Schwindel
und trügerische Alternativmethoden
strikt ablehnt."
Ufff... Zum Glück gibt es
Dr. Anderegg und den berühmten
Verein zur Abschaffung der Tierversuche.
Alleine für die Behauptung,
die SLGV unterstütze die 3R,
müsste der Forscher eine Verleumdungsklage
am Hals haben. Wir bevorzugen derzeit
aber ein anderes Vorgehen und informieren
lieber die Tierschützer, die
ihm Spenden zukommen lassen. Möchten
sie wirklich kostenaufwändige
Aktionen wie den Druck von Presseanzeigen
oder den Versand von Hunderttausenden
von Flyern an die Haushalte unterstützen,
die einzig das Ziel verfolgen,
aktive Tierschutzorganisationen
anzuschwärzen?
Eine
Anzeigenkampagne voll falscher
oder überholter Informationen
"Irrweg Tierschutz:
Alternativen zu Tierversuchen"
"Was viele Tierfreundinnen
und Tierfreunde nicht wissen:
Wegen Alternativmethoden wie
tierischen Zell- und Gewebekulturen
werden Tierversuche wiederholt
und verewigt."
Bei
der Herausgabe seiner Broschüre schreckte Dr. Anderegg nicht davor
zurück, mit der grossen Kelle
anzurühren. Ob er wohl der
Ansicht war, die meisten potenziellen
Spender würden nichts von
Tierversuchen oder Alternativmethoden
verstehen? Ob er glaubte, einige
von ihnen würden mit Sicherheit
ihr Portemonnaie öffnen, um
seine Aktionen während Jahren
zu unterstützen?
Beim Lesen seines Pamphlets ist
man über die darin enthaltenen
zahlreichen Absurditäten und
Fehlinformationen betroffen. Man
müsste Dr. Anderegg darauf
hinweisen, dass die Zeiten vorbei
sind, in denen er Mäuse umbrachte.
Seit 1988 hat sich die Forschung
insbesondere im Bereich der Alternativmethoden
weiter entwickelt. Die daran beteiligten
Wissenschaftler arbeiten nicht
mit Tier-, sondern mit Menschenzellen.
Diese stammen beispielsweise aus
Biopsien, die im Spitalbereich
vorgenommen werden. Natürlich
gibt es zahlreiche Forscher, die
bei ihren Versuchen Tierzellen
verwenden. Die gleichen Wissenschaftler
setzen aber auch lebende Tiere
ein. Die Zellen benutzen sie nicht
aus ethischen Gründen, sondern
einzig und alleine deshalb, weil
sie billiger und mit weniger Verpflichtungen
verbunden sind als die Verwendung
lebender Tiere. Solche Forscher
sind von keinerlei Interesse. In
Anbetracht dieser Tatsache erstaunt
uns Dr. Anderegg mit folgender
Aussage nicht wenig:
"Laut Statistik ist
die jährliche Versuchstierzahl
in der Schweiz zwischen 1990
und 2008 um 40% zurückgegangen.
Industrie, Behörden und
sogar einige Tierschutz-organisationen
behaupten, dass dieser Rückgang
auf den Einsatz von Alternativ-methoden
wie tierischen Zell- und Gewebekulturen
zurückzuführen sei.
Stimmt das?"
In der Tat nimmt die Zahl der
verwendeten Tiere seit acht Jahren
stets zu (3). Im Jahr 2009 verwendeten
die Labors so viele Tiere wie 1996!
Von 1983 bis ins Jahr 2000 war
hingegen tatsächlich ein regelmässiger
Rückgang der Tiere festzustellen.
Dieser war einerseits auf das Tierschutzgesetz,
das 1983 in Kraft trat, und andererseits
darauf zurückzuführen,
dass in den Labors zu jenem Zeitpunkt
alles Mögliche und Unmögliche
getan wurde. Im Laufe der Jahre
zwangen die Richtlinien des Bundes
die kantonalen Behörden dazu,
genügend ausgebildetes Personal
anzustellen, um die Ziele der Tierversuche
zu verstehen und die Verwendung
von Tieren zu regeln. Viele Wissenschaftler
begannen auch für Vorversuche
Alternativmethoden zu verwenden,
um den neuen Auflagen des Bundes
zu entkommen. Schliesslich war
die Verwendung solcher Methoden
weder mit Bewilligungsgesuchen
noch mit Verwaltungsgebühren
verbunden. Die Zellkulturen trugen
somit tatsächlich zur Reduzierung
der Anzahl lebender Tiere bei.
Dies erfolgte aber im Allgemeinen
nicht aus ethischen oder wissenschaftlichen,
sondern einzig und allein aus praktischen
und wirtschaftlichen Gründen.
"Der Rückgang
ist auch auf das Recycling der
Versuchstiere zwecks Kosteneinsparungen
zurückzuführen. Weil
Aufzucht, Haltung, Pflege und
Entsorgung der Versuchstiere
immer teurer werden, verwendet
man nun ein Tier in mehreren
Versuchen statt mehrere Tiere
in einem Versuch. Für Industrie
und Behörden fällt
solches Recycling unter den Begriff
optimierte Versuchsplanung."
Bei
dem Konzept vom "teuren
Tier" handelt es sich um eine
Erfindung der wissenschaftlichen
Kreise. Diese stützen ihren
Vorwand darauf, Tiere nur zu verwenden,
weil "es anders nicht geht".
Da die Schweizer Gesetzgebung tatsächlich
erlaubt, ein Tier bei einem anderen
Versuch wieder zu verwenden, so
erfolgt dies unter gewissen Bedingungen.
In Tat und Wahrheit ist das in
unserem Land aber fast nie der
Fall. Aus einem ganz einfachen
Grund: 1) Die meisten Tiere werden
nach einem Experiment getötet,
um Proben für Analysen zu
entnehmen. 2) Das Recycling von
Tieren würde eine erneute
Akklimatisierungszeit und insbesondere
einen Versuch erfordern, bei dem
im gleichen Labor Tiere desselben
Alters und derselben Abstammung
verwendet würden. Die Verlegung
von Tieren aus einer Versuchstierhaltung
in eine andere ist aus gesundheitspolitischen
Gründen fast unmöglich.
Abgesehen von einigen Versuchen,
welche die Verwendung von gewissen
teuren transgenen Mäusen erfordern,
käme das "Reycling" von
Tieren viel teurer zu stehen, als
diese zu töten und anschliessend
neue Exemplare zu kaufen.
"Dass Alternativmethoden
zu keiner Verminderung der Tierversuche
führen, zeigt der Hochschulkanton
Zürich, wo - im Gegensatz
zum Industriekanton Basel - die
Tierversuche nicht in Auslandfirmen
verlegt werden können. So
verzeichnete Zürich zwischen
1990 und 2008 keine Abnahme,
sondern eine Zunahme der jährlichen
Versuchstierzahl um 90%."
Dr.
Anderegg verbreitet diese Anzeige
seit mehreren Jahren und begnügt
sich damit, die Zahlen zu aktualisieren.
Seiner vorherigen Anzeige
ist jedoch zu entnehmen, dass "der
Kanton Zürich
von 1989 bis 2003 bezüglich
der Zahl der jährlich verwendeten
Tiere keinen Rückgang, sondern
einen Anstieg um 120% verzeichnete".
Auf den ersten Blick scheint Dr.
Anderegg nicht nur über die
ganze Welt, sondern auch über
seine Zahlen erbost zu sein. Während
der Anstieg der Anzahl Tiere zwischen
1989 und 2003 120% betrug, waren
es zwischen 1990 und 2008 deren
90%. Dr. Anderegg muss uns also
erklären, wie der Kanton Zürich "keinen
Rückgang der Zahl der jährlich
verwendeten Tiere verzeichnete."
Das Beispiel ist jedenfalls absurd.
Aus Prestigegründen streiten
sich die Forschungszentren am Genfersee
(Waadt und Genf) sowie in Zürich
darum, wer in den naturwissenschaftlichen
Bereichen am meisten Forscher für
sich gewinnt. Die Universitäten
Genf und Lausanne wären entzückt,
einen Anstieg der verwendeten Tiere
um 120% zu verzeichnen. Für
sie wäre dies mit vielen wissenschaftlichen
Publikationen, finanzieller Unterstützung
von aussen, einem besseren Ruf
usw. verbunden. Seit kurzem unterstützt
der Bundesrat die Forschung mit
einigen hundert Millionen Franken
mehr, wobei 200 Millionen hauptsächlich
der medizinischen Forschung zugute
kommen. So lange nicht neue Forschungsmethoden
unterstützt werden, glauben
wir nicht an einen Rückgang
der Anzahl Tiere.
Dr. Anderegg hat auch eine überholte
Vorstellung von der medizinischen
Forschung. Die Universitäten
situiert er links, die "chemisch-pharmazeutische" Industrie – also
Roche und Novartis – rechts.
Ob er wohl weiss, dass ein Kanton
wie Genf sowohl eine Universität,
die viele Tierversuche betreibt,
als auch die Firma Merk Serono
beherbergt? Diese stellt das drittgrösste
pharmazeutische Unternehmen im
Lande dar. Weiss er, dass sich
im Kanton Waadt, der über
eine Universität und eine
Technische Hochschule verfügt,
Filialen von Novartis oder Nestlé befinden?
Bei den Affenversuchen, die an
der Universität Freiburg durchgeführt
werden, leitet Novartis die klinische
Phase eines Antikörpers, der
aus solchen Versuchen stammt. Auch
der Kanton Zürich hat von
sich reden gemacht. Nachdem das
Bundesgericht im Oktober 2009 das
Verbot von zwei Affenversuchen
bestätigt hatte, verliess
einer der Wissenschaftler mit seinen
Affen die ETH. Inzwischen setzt
er seine Versuche in Deutschland
fort.
"Die Forscher, die
Alternativmethoden entwickeln,
betrachten Tierversuche als nützlich
und notwendig. Deshalb arbeiten
sie grösstenteils mit Zellen,
Geweben und Organen, die getöteten
Versuchstieren oder geschlachteten
Nutztieren entnommen werden,
und sie wiederholen sogar die
angeblich zu ersetzenden Tierversuche
jahrelang, um diese mit den Alternativmethoden
zu vergleichen.
Somit werden Tierversuche
weder vermindert noch ersetzt,
sondern verewigt. Obwohl Alternativmethoden
auf diese Weise dem Tierschutz
klar schaden, werden sie von
zahlreichen Tierschutzorganisationen
in der Schweiz mit Spendengeldern
finanziert."
Mit
Dr. Anderegg schlägt
man sich zumindest nicht mit zufälligen
Hypothesen herum. Seiner Ansicht
nach sind alle Wissenschaftler
schlecht. Er weiss auch genau,
was die Forscher denken und warum
sie etwas tun.
Glücklicherweise kennt die
SLGV auch Wissenschaftler, die
Alternativmethoden entwickeln und
Tierversuche für überflüssig
sowie gesundheitsschädigend
halten. Sie entwickeln Alternativmethoden,
welche für die medizinische
Forschung menschliches Material
(in vitro) oder menschliche Daten
(in silico) verwenden. Die SLGV
unterstützt die Arbeiten solcher
Forscher, die es ermöglichen,
menschliche Krankheiten zu untersuchen.
Nichtsdestotrotz
stellt eine Zellkultur – ob
sie nun tierische oder menschliche
Gewebe verwendet – eine Alternativmethode
zu Tierversuchen dar. Als solche
gilt definitionsgemäss alles,
was die Verwendung eines lebenden
Tieres ersetzt. Man kann mit Recht
gegen die Verwendung von Tierzellen
sein, da die dadurch erhaltenen
Resultate für die menschliche
Gesundheit ebenso gefährlich
sind wie diejenigen, die sich durch
die Verwendung lebender Tiere ergeben.
Dessen ungeachtet ist die Verbindung
von tierischen Zellkulturen mit
Alternativmethoden, wie sie Dr.
Anderegg betreibt, aber besonders
unredlich.
Vor allem ist ein solches Vorgehen
aber inkohärent. Die vierzig
Seiten umfassende kleine Broschüre mit dem Titel "Tierversuche
aus kritischer Sicht" enthält
einige Antworten auf die Frage,
was Dr. Anderegg denn unter dem
von ihm zitierten "nützlichen
und zuverlässigen Methoden" versteht,
die „direkt an Menschen angewandt
werden". Das Werk, das er
2006 zusammen mit fünf anderen
Autoren verfasste, kann auf seiner
Website heruntergeladen werden.
Auf S. 22 heisst es:
"In
vitro-Zell- und Gewebekulturen
sind hingegen wirkungsvolle Untersuchungsmittel." (!)
Und:
"Was Impfstoffe betrifft, so entdeckten Forscher bereits im Jahr 1949,
dass aus menschlichen Zellkulturen gewonnene Impfstoffe wirksamer, sicherer
und weniger teuer waren als aus Affengeweben gewonnene Impfstoffe, wodurch
auch die ernsthafte Gefahr der Verseuchung durch tierische Viren vollständig
eliminiert werden kann. In ähnlicher Weise wurden zur Erhöhung der
Sicherheit von Virusimpfstoffen viele Tests an Tieren durch weit sensiblere
und verlässlichere Zellkulturtechniken ersetzt".
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