April 2010

Christopher Andereggs wütendes Aufstossen

Jeweils im Frühling wird Dr. Anderegg von einer gewissen Fieberhaftigkeit gepackt und verteilt nach allen Seiten Flyer und Anzeigen "gegen" Tierversuche. Steigt ihm wie der blühenden Vegetation um ihn herum der Saft ins Gehirn? Dieses Jahr richtet sich seine Kampagne gegen eine andere Zielscheibe. Statt seiner ehemaligen Kollegen, die Tierversuche betreiben, hat er nun die Tierschutzorganisationen im Visier, die seiner Ansicht nach Alternativ- oder Ersatzmethoden unterstützen.

Seine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen waren mit Sicherheit froh, ihn endlich los zu werden. Nun werden sie darüber jubeln, dass er sich auf die Seite des „Tierschutzes" geschlagen hat.
Dr. Anderegg bedauert es, viele düstere Jahre in einem Labor verbracht zu haben. Inzwischen leidet er darunter, dass er als einziger wirklich etwas gegen Tierversuche unternimmt. Als wahrhaftiger Don Quichotte veröffentlicht er seit vielen Jahren zahlreiche Anzeigen und Schriften, aber auch seine berühmte schwarze Liste "der Tierschutzorganisationen in der Schweiz, die am "3R-Konzept" festhalten und gleichwertige "Alternativmethoden" zu Tierversuchen fördern und/oder finanzieren".
Zu seinen Zielscheiben gehören die ATRA, Animalfree Research, die Stiftung für das Tier im Recht (TIER), natürlich die SLGV, die er beschuldigt, einen Kurs „zur Förderung der Vivisektion" finanziert zu haben (siehe nach stehenden Artikel), die Ärztinnen und Ärzte für Tierschutz in der Medizin (ATM), der Schweizer Tierschutz (STS), der Zürcher Tierschutz, die Société Vaudoise pour la Protection des Animaux (SVPA), der Tierschutzbund, D&uumlbendorf, der Tierschutzbund Basel, Tierrechts-Signet, VETO und Vier Pfoten.
Dr. Anderegg schliesst seine Liste mit folgender Erklärung: "Es ist schwierig genug, die Propaganda der Tierversuchslobby (Pharmaindustrie, Hochschulen, Wirtschaft, Politik und Medien) zu bekämpfen. Dass aber auch Tierschutzorganisationen Tierversuche als eine nützliche und notwendige Forschungsmethode betrachten, die man nicht abschaffen, sondern nur durch gleichwertige – und deshalb ebenso wertlose, nicht aussagekräftige – "Alternativmethoden" vermindern und ersetzen könne, ist äusserst bedauerlich. Der Verein zur Abschaffung der Tierversuche ist und bleibt die einzige Anti-Tierversuchs-Organisation in der Schweiz, die den 3R-Schwindel und trügerische Alternativmethoden strikt ablehnt."
Ufff... Zum Glück gibt es Dr. Anderegg und den berühmten Verein zur Abschaffung der Tierversuche. Alleine für die Behauptung, die SLGV unterstütze die 3R, müsste der Forscher eine Verleumdungsklage am Hals haben. Wir bevorzugen derzeit aber ein anderes Vorgehen und informieren lieber die Tierschützer, die ihm Spenden zukommen lassen. Möchten sie wirklich kostenaufwändige Aktionen wie den Druck von Presseanzeigen oder den Versand von Hunderttausenden von Flyern an die Haushalte unterstützen, die einzig das Ziel verfolgen, aktive Tierschutzorganisationen anzuschwärzen?

Eine Anzeigenkampagne voll falscher oder überholter Informationen

"Irrweg Tierschutz: Alternativen zu Tierversuchen"
"Was viele Tierfreundinnen und Tierfreunde nicht wissen: Wegen Alternativmethoden wie tierischen Zell- und Gewebekulturen werden Tierversuche wiederholt und verewigt."

Bei der Herausgabe seiner Broschüre schreckte Dr. Anderegg nicht davor zurück, mit der grossen Kelle anzurühren. Ob er wohl der Ansicht war, die meisten potenziellen Spender würden nichts von Tierversuchen oder Alternativmethoden verstehen? Ob er glaubte, einige von ihnen würden mit Sicherheit ihr Portemonnaie öffnen, um seine Aktionen während Jahren zu unterstützen?
Beim Lesen seines Pamphlets ist man über die darin enthaltenen zahlreichen Absurditäten und Fehlinformationen betroffen. Man müsste Dr. Anderegg darauf hinweisen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen er Mäuse umbrachte. Seit 1988 hat sich die Forschung insbesondere im Bereich der Alternativmethoden weiter entwickelt. Die daran beteiligten Wissenschaftler arbeiten nicht mit Tier-, sondern mit Menschenzellen. Diese stammen beispielsweise aus Biopsien, die im Spitalbereich vorgenommen werden. Natürlich gibt es zahlreiche Forscher, die bei ihren Versuchen Tierzellen verwenden. Die gleichen Wissenschaftler setzen aber auch lebende Tiere ein. Die Zellen benutzen sie nicht aus ethischen Gründen, sondern einzig und alleine deshalb, weil sie billiger und mit weniger Verpflichtungen verbunden sind als die Verwendung lebender Tiere. Solche Forscher sind von keinerlei Interesse. In Anbetracht dieser Tatsache erstaunt uns Dr. Anderegg mit folgender Aussage nicht wenig:

"Laut Statistik ist die jährliche Versuchstierzahl in der Schweiz zwischen 1990 und 2008 um 40% zurückgegangen. Industrie, Behörden und sogar einige Tierschutz-organisationen behaupten, dass dieser Rückgang auf den Einsatz von Alternativ-methoden wie tierischen Zell- und Gewebekulturen zurückzuführen sei. Stimmt das?"

In der Tat nimmt die Zahl der verwendeten Tiere seit acht Jahren stets zu (3). Im Jahr 2009 verwendeten die Labors so viele Tiere wie 1996!
Von 1983 bis ins Jahr 2000 war hingegen tatsächlich ein regelmässiger Rückgang der Tiere festzustellen. Dieser war einerseits auf das Tierschutzgesetz, das 1983 in Kraft trat, und andererseits darauf zurückzuführen, dass in den Labors zu jenem Zeitpunkt alles Mögliche und Unmögliche getan wurde. Im Laufe der Jahre zwangen die Richtlinien des Bundes die kantonalen Behörden dazu, genügend ausgebildetes Personal anzustellen, um die Ziele der Tierversuche zu verstehen und die Verwendung von Tieren zu regeln. Viele Wissenschaftler begannen auch für Vorversuche Alternativmethoden zu verwenden, um den neuen Auflagen des Bundes zu entkommen. Schliesslich war die Verwendung solcher Methoden weder mit Bewilligungsgesuchen noch mit Verwaltungsgebühren verbunden. Die Zellkulturen trugen somit tatsächlich zur Reduzierung der Anzahl lebender Tiere bei. Dies erfolgte aber im Allgemeinen nicht aus ethischen oder wissenschaftlichen, sondern einzig und allein aus praktischen und wirtschaftlichen Gründen.

"Der Rückgang ist auch auf das Recycling der Versuchstiere zwecks Kosteneinsparungen zurückzuführen. Weil Aufzucht, Haltung, Pflege und Entsorgung der Versuchstiere immer teurer werden, verwendet man nun ein Tier in mehreren Versuchen statt mehrere Tiere in einem Versuch. Für Industrie und Behörden fällt solches Recycling unter den Begriff optimierte Versuchsplanung."

Bei dem Konzept vom "teuren Tier" handelt es sich um eine Erfindung der wissenschaftlichen Kreise. Diese stützen ihren Vorwand darauf, Tiere nur zu verwenden, weil "es anders nicht geht".
Da die Schweizer Gesetzgebung tatsächlich erlaubt, ein Tier bei einem anderen Versuch wieder zu verwenden, so erfolgt dies unter gewissen Bedingungen. In Tat und Wahrheit ist das in unserem Land aber fast nie der Fall. Aus einem ganz einfachen Grund: 1) Die meisten Tiere werden nach einem Experiment getötet, um Proben für Analysen zu entnehmen. 2) Das Recycling von Tieren würde eine erneute Akklimatisierungszeit und insbesondere einen Versuch erfordern, bei dem im gleichen Labor Tiere desselben Alters und derselben Abstammung verwendet würden. Die Verlegung von Tieren aus einer Versuchstierhaltung in eine andere ist aus gesundheitspolitischen Gründen fast unmöglich. Abgesehen von einigen Versuchen, welche die Verwendung von gewissen teuren transgenen Mäusen erfordern, käme das "Reycling" von Tieren viel teurer zu stehen, als diese zu töten und anschliessend neue Exemplare zu kaufen.

"Dass Alternativmethoden zu keiner Verminderung der Tierversuche führen, zeigt der Hochschulkanton Zürich, wo - im Gegensatz zum Industriekanton Basel - die Tierversuche nicht in Auslandfirmen verlegt werden können. So verzeichnete Zürich zwischen 1990 und 2008 keine Abnahme, sondern eine Zunahme der jährlichen Versuchstierzahl um 90%."

Dr. Anderegg verbreitet diese Anzeige seit mehreren Jahren und begnügt sich damit, die Zahlen zu aktualisieren. Seiner vorherigen Anzeige ist jedoch zu entnehmen, dass "der Kanton Zürich von 1989 bis 2003 bezüglich der Zahl der jährlich verwendeten Tiere keinen Rückgang, sondern einen Anstieg um 120% verzeichnete".
Auf den ersten Blick scheint Dr. Anderegg nicht nur über die ganze Welt, sondern auch über seine Zahlen erbost zu sein. Während der Anstieg der Anzahl Tiere zwischen 1989 und 2003 120% betrug, waren es zwischen 1990 und 2008 deren 90%. Dr. Anderegg muss uns also erklären, wie der Kanton Zürich "keinen Rückgang der Zahl der jährlich verwendeten Tiere verzeichnete."
Das Beispiel ist jedenfalls absurd. Aus Prestigegründen streiten sich die Forschungszentren am Genfersee (Waadt und Genf) sowie in Zürich darum, wer in den naturwissenschaftlichen Bereichen am meisten Forscher für sich gewinnt. Die Universitäten Genf und Lausanne wären entzückt, einen Anstieg der verwendeten Tiere um 120% zu verzeichnen. Für sie wäre dies mit vielen wissenschaftlichen Publikationen, finanzieller Unterstützung von aussen, einem besseren Ruf usw. verbunden. Seit kurzem unterstützt der Bundesrat die Forschung mit einigen hundert Millionen Franken mehr, wobei 200 Millionen hauptsächlich der medizinischen Forschung zugute kommen. So lange nicht neue Forschungsmethoden unterstützt werden, glauben wir nicht an einen Rückgang der Anzahl Tiere.
Dr. Anderegg hat auch eine überholte Vorstellung von der medizinischen Forschung. Die Universitäten situiert er links, die "chemisch-pharmazeutische" Industrie – also Roche und Novartis – rechts. Ob er wohl weiss, dass ein Kanton wie Genf sowohl eine Universität, die viele Tierversuche betreibt, als auch die Firma Merk Serono beherbergt? Diese stellt das drittgrösste pharmazeutische Unternehmen im Lande dar. Weiss er, dass sich im Kanton Waadt, der über eine Universität und eine Technische Hochschule verfügt, Filialen von Novartis oder Nestlé befinden? Bei den Affenversuchen, die an der Universität Freiburg durchgeführt werden, leitet Novartis die klinische Phase eines Antikörpers, der aus solchen Versuchen stammt. Auch der Kanton Zürich hat von sich reden gemacht. Nachdem das Bundesgericht im Oktober 2009 das Verbot von zwei Affenversuchen bestätigt hatte, verliess einer der Wissenschaftler mit seinen Affen die ETH. Inzwischen setzt er seine Versuche in Deutschland fort. 

"Die Forscher, die Alternativmethoden entwickeln, betrachten Tierversuche als nützlich und notwendig. Deshalb arbeiten sie grösstenteils mit Zellen, Geweben und Organen, die getöteten Versuchstieren oder geschlachteten Nutztieren entnommen werden, und sie wiederholen sogar die angeblich zu ersetzenden Tierversuche jahrelang, um diese mit den Alternativmethoden zu vergleichen.
Somit werden Tierversuche weder vermindert noch ersetzt, sondern verewigt. Obwohl Alternativmethoden auf diese Weise dem Tierschutz klar schaden, werden sie von zahlreichen Tierschutzorganisationen in der Schweiz mit Spendengeldern finanziert."

Mit Dr. Anderegg schlägt man sich zumindest nicht mit zufälligen Hypothesen herum. Seiner Ansicht nach sind alle Wissenschaftler schlecht. Er weiss auch genau, was die Forscher denken und warum sie etwas tun.
Glücklicherweise kennt die SLGV auch Wissenschaftler, die Alternativmethoden entwickeln und Tierversuche für überflüssig sowie gesundheitsschädigend halten. Sie entwickeln Alternativmethoden, welche für die medizinische Forschung menschliches Material (in vitro) oder menschliche Daten (in silico) verwenden. Die SLGV unterstützt die Arbeiten solcher Forscher, die es ermöglichen, menschliche Krankheiten zu untersuchen.

Nichtsdestotrotz stellt eine Zellkultur – ob sie nun tierische oder menschliche Gewebe verwendet – eine Alternativmethode zu Tierversuchen dar. Als solche gilt definitionsgemäss alles, was die Verwendung eines lebenden Tieres ersetzt. Man kann mit Recht gegen die Verwendung von Tierzellen sein, da die dadurch erhaltenen Resultate für die menschliche Gesundheit ebenso gefährlich sind wie diejenigen, die sich durch die Verwendung lebender Tiere ergeben. Dessen ungeachtet ist die Verbindung von tierischen Zellkulturen mit Alternativmethoden, wie sie Dr. Anderegg betreibt, aber besonders unredlich.
Vor allem ist ein solches Vorgehen aber inkohärent. Die vierzig Seiten umfassende kleine Broschüre mit dem Titel "Tierversuche aus kritischer Sicht" enthält einige Antworten auf die Frage, was Dr. Anderegg denn unter dem von ihm zitierten "nützlichen und zuverlässigen Methoden" versteht, die „direkt an Menschen angewandt werden". Das Werk, das er 2006 zusammen mit fünf anderen Autoren verfasste, kann auf seiner Website heruntergeladen werden. Auf S. 22 heisst es:
"In vitro-Zell- und Gewebekulturen sind hingegen wirkungsvolle Untersuchungsmittel." (!)
Und:
"Was Impfstoffe betrifft, so entdeckten Forscher bereits im Jahr 1949, dass aus menschlichen Zellkulturen gewonnene Impfstoffe wirksamer, sicherer und weniger teuer waren als aus Affengeweben gewonnene Impfstoffe, wodurch auch die ernsthafte Gefahr der Verseuchung durch tierische Viren vollständig eliminiert werden kann. In ähnlicher Weise wurden zur Erhöhung der Sicherheit von Virusimpfstoffen viele Tests an Tieren durch weit sensiblere und verlässlichere Zellkulturtechniken ersetzt".
Ohne Kommentar.

Wer ist Dr. Anderegg?

Beim Lesen einiger Artikel, die ihm gewidmet sind, stellt man fest, dass Dr. Anderegg sein Studium in den USA absolvierte. Während dieser Zeit leitete er Forschungsarbeiten, bei denen er sich mit dem Klonen von Säugetieren befasste. Nach einem Doktorat in Biologie und Medizin kam er 1987 in die Schweiz und arbeitete als Forscher an der ETH Zürich. Diese verschaffte ihm eine Stelle in Füllinsdorf (BL), wo man für Experimente vorgesehene Mäuse, Ratten, Hasen, Affen und Hunde findet. Während anderthalb Jahren führte er die gleichen Versuche durch wie vorher in den Vereinigten Staaten. Von 1979 bis 1989 nahm er an rund 3'000 Tieren Versuche vor. Anschliessend verliess er die Forschung und übernahm 1996 die Leitung des Vereins zur Abschaffung der Tierversuche.
Auf seiner Website kündet er an: „Als Präsident und Geschäftsführer des Vereins zur Abschaffung der Tierversuche lasse ich Streuprospekte in Briefkästen verteilen, lanciere Plakatkampagnen und lasse Inserate in Tageszeitungen erscheinen...“. Unserer Kenntnis nach ist dies in etwa alles, was er tut. Darüber hinaus durchforscht er die Presse auf der Suche nach Zitaten, die Tierschützer in Misskredit bringen könnten. Mit diesen geht er gnadenlos ins Gericht. Er fordert seine Leserschaft auch auf, ihm Artikel zukommen zu lassen, die er möglicherweise übersehen hat. Da zahlreiche Journalistinnen und Journalisten Aussagen verzerrt wiedergeben, um einen Aufhänger zu erhalten oder die Lektüre ihres Artikels zu beeinflussen, ist dies nicht allzu schwierig. Auf seiner Website stellt er Leute wie Claudia Mertens oder Gieri Bolliger an den Pranger. Die beiden Tierschützer gehören der Zürcher Kommission für Tierversuche an, der das endgültige Verbot von zwei Affenversuchen zu verdanken ist, welches das Bundesgericht im Oktober 2009 erliess. Im Rahmen dieser Angelegenheit hüllte sich Dr. Anderegg – wie in den meisten übrigen Fällen auch – in Schweigen. Im Mai 2000 erklärte er, für seine Tätigkeit einen Monatslohn von Fr. 6'000.- zu beziehen. Wir wissen nicht, wie hoch dieser Betrag inzwischen ausfällt, aber die Spenderinnen und Spender werden sich sicher darüber freuen. Bei seinen Inseratkampagnen wendet er sich hauptsächlich an Gönnerinnen und Gönner, die sich für die Anliegen der Tiere interessieren. Trotzdem scheint ihn der Tierschutz nicht allzu sehr zu interessieren. So liess er am 15. Dezember 2006 in einer Klarstellung bezüglich seiner Kampagne gegen den Telethon verlauten:
„Frau R. wirft mir vor, viel Mitgefühl für die Tiere, aber nur wenig Empathie für die Menschen zu haben. Mit diesem Schreiben bestätige ich, dass genau das Gegenteil zutrifft. Weder meine Plakate, noch meine Flyer und Anzeigen oder meine Website enthalten auch nur ein Wort über mein Mitgefühl mit den Tieren und ihren Leiden in den Labors. Bei meinem Kampf gegen Tierversuche habe ich während elf Jahren eine ganz bestimmte Methode angewandt: Ich habe mich nur um das Leiden von Kranken gekümmert (...)“.
Die Sachverhalte sind somit zumindest klar. 

Die Schweizer Liga gegen Vivisektion finanziert
einen Kurs... zur Vivisektion

Dieser im Dezember 1998 erschienene Artikel stammt von einer Journalistin, die sich auf Meldungen der letzten Seite spezialisiert hat. Sie machte durch einige berühmte Titel wie „Angeklagt, seine Töchter im Keller vergewaltigt zu haben“ oder „Drogenabhängige liess ihre Kinder ohne Nahrung sich selber überlassen“ von sich reden... Der beiliegende Artikel enthält zahlreiche Fehlinformationen. Unser geliebter Dr. Anderegg scheint aber seine redaktionelle Qualität geschätzt zu haben, lässt er ihn doch all jenen zukommen, denen er beweisen möchte, wie schlecht die Liga und wie gut er selber ist.

Über den erbärmlichen Artikel spreche ich umso lieber, da ich den erwähnten Kurs „zur Vivisektion“ selber besucht habe. Damals gehörte ich als Tierschutzvertreter seit einem Jahr der Tierversuchskommission des Kantons Genf an. Ich war noch nicht Mitglied der SLGV, vertrat aber die CADAP, eine Organisation, die das Pelztragen bekämpft.
Als ich der Kommission beitrat, konnte ich rasch feststellen, welche Schreckenszenarien sich in den Labors abspielten. Vor rund fünfzehn Jahren gab es fast noch keine Alternativmethoden. Die Begriffe Ethik und Leiden der Tiere waren ebenfalls so gut wie unbekannt. In der Schweiz fanden Versuche statt, die heute undenkbar wären. Zum Einsatz gelangten zudem völlig überholte Methoden. Jegliche Wissenschaftler konnten Tierversuche betreiben, wenn sie über die notwendigen Finanzierungsmöglichkeiten verfügten.

Angesichts dieser schrecklichen Zustände beschloss das Bundesamt für Veterinärwesen (BVET), für die Wissenschaftler eine obligatorische Ausbildung durchzuführen. Für die Tiere, die in ihren Händen verenden sollten, schien mir dies eine Entlastung zu bedeuten. Die meisten Forscher betrachteten den Kurs übrigens als Majestätsbeleidigung, da sie wie gewöhnliche Studierende in ein Auditorium zurückkehren mussten. Für diejenigen, die meinten, sich mit jeder sezierten Maus ein Stück weit dem Nobelpreis genähert zu haben, bedeutete das Ganze eine Rückkehr auf den harten Boden der Realität normalsterblicher Menschen. Die Universität Genf wurde damals beauftragt, den ersten Ausbildungskurs in der Westschweiz durchzuführen. Dieser bestand hauptsächlich aus einem theoretischen Unterricht. Auf dem Programm standen die Gesetzgebung (Rechte und Pflichten der Forscher), Ethikkurse, Bedürfnisse und Verhalten der Tiere usw. Im Gegensatz zu den Aussagen der Journalistin wurden natürlich keine Versuche durchgeführt. Die Forscher nahmen vielmehr an Ateliers teil, in denen sie grundlegende Dinge wie den Umgang mit Mäusen oder Blutentnahmen lernten, ohne den Tieren ein Auge auszustechen. Was heutzutage undenkbar erscheint, war damals gang und gäbe: Blut wurde üblicherweise einer Augenvene entnommen.

Ob diese Ateliers Sinn machten? Für ein Individuum wie Dr. Anderegg, da sich gemütlich in seinem Büro räkelte, möglicherweise nicht. Für die Tiere zweifellos schon. Ich erinnere mich an die erste Verurteilung eines Forschers der medizinischen Fakultät durch das Polizeigericht. Anlässlich einer Kontrolle in einer Versuchstierhaltung der Universität Genf, die im Juni 1999 erfolgte, entdeckte ich in einem seiner Käfige mehrere offensichtlich vergessene Mäuse. Drei davon waren verletzt. Zwei hatten ein so stark geschwollenes Auge, dass sie dieses nicht mehr aufbrachten. Es war offensichtlich, dass die Mäuse einer Blutentnahme am Auge unterzogen worden waren, die zu einer Infektion geführt hatte. Vor dem Gericht behauptete der Forscher, es handle sich weder um seine Tiere, noch habe er diese Versuche vorgenommen. Obwohl ich keine Fotos als Beweismaterial vorlegen konnte, wurde er zu einer Busse wegen Verstoss gegen das Tierschutzgesetz verurteilt. Zudem musste er die Verfahrenskosten übernehmen.

Sollte die Liga angesichts solch düsterer Forscher, die in den Labors am Werk sind, Ausbildungen zum Thema Ethik und Alternativmethoden finanzieren? Die Antwort lautet klar: Ja! Für Forscher besteht unterdessen die immer stärkere Verpflichtung, diesen Kurs zu besuchen, der inzwischen eine Woche dauert. Auf dem Programm stehen immer noch die gleichen Themen. Somit bestand ein Interesse, die Wissenschaftler ab dem ersten Kurs einzubeziehen, da sich die folgenden danach richteten. Natürlich führen solche Kurse nicht zur Abschaffung der Vivisektion. In gewissen Fällen ermöglichen sie es aber, den Tieren Leid zu ersparen. Dies ist nicht viel – für diejenigen, die auf ihren Gang in die Labors warten, aber besser als nichts.

Luc Fournier

Luc Fournier, seit 1997 Mitglied der Tierversuchskommission des Kantons Genf. Seit März 2001 vertritt er die SLGV. Er wurde 2002 in den Vorstand aufgenommen und 2005 zum Vizepräsidenten ernannt.