Artikel erschienen im Juni
2005 in der Mitgliederzeitschrift der SLGV
Europäische Union:
Ab 2009 Verbot von Tierversuchen für Kosmetik
Am 24. März lehnte der Europäische
Gerichtshof in Luxemburg einen Rekurs von Frankreich ab, mit dem die
Aufhebung einer europäischen Richtlinie angestrebt wurde. Diese
schreibt vor, dass bis ins Jahr 2009 sämtliche Tierversuche verboten
und der Verkauf von importierter Kosmetik eingestellt werden soll, die
an Tieren getestet wurde.
Ein
grosser Sieg der Tierschützer
Wenn in der Europäischen
Union im Jahr 2009 das Verbot von Tierversuchen für
Kosmetik in Kraft tritt, werden die Tierschützer auf
einen 15-jährigen Kampf zurückblicken können.
Die erste europäische Richtlinie, die am 14. Juni
1993 verabschiedet wurde, legte das Verbot der Tierversuche
für Kosmetik auf Januar 1998 fest. Da diese aus „technischen
Gründen“ rückgängig gemacht wurde,
wurde im Jahr 1997 eine zweite Richtlinie vorgelegt,
welche ebenfalls abgelehnt wurde. Auch ein dritter Vorstoss,
der das Verbot solcher Tierversuche auf den 30. Juni
2002 festlegte, hatte keinen Erfolg.
Mit der neuesten Richtlinie vom 27. Februar 2003 (2003/15/CE;
in allen Ländern in ein nationales Gesetz umgewandelt)
werden die Fristen ein letztes Mal verlängert. So
sollen im Jahr 2005 die Endprodukte und im Jahr 2009
mit Ausnahme einiger weniger Substanzen, die über
eine zusätzliche dreijährige Frist verfügen,
auch die Inhaltsstoffe verboten werden.
Frankreich auch
weiterhin für Tierversuche
Als einziges Land sprach sich Frankreich gegen die Richtlinie vom Februar
2003 aus. In einem am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg eingereichten
Gesuch wurde die Aufhebung des Verbotes aus gesetzlichen und technischen
Gründen gefordert. Durch das Kabinett des Industrieministeriums
liess die französische Regierung verlauten: „Frankreich
hat den Text der Richtlinie 2003/15/CE nicht verstanden und verlangt
vom Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften in Luxemburg eine
Erklärung.“ Die Regierung war nicht weiter darüber
erstaunt, dass nur sie den Text nicht verstanden hatte.
Frankreich verfügt über eine besonders
mächtige Industrielobby. Die Regierung, welche zugibt, „selbstverständlich
mit den Industriellen gesprochen zu haben“, wird beschuldigt,
die Interessen von L’Oréal und LVMH zu vertreten. Dies insbesondere
durch die Behauptung, die Richtlinie verhindere Innovationen im Kosmetikbereich,
führe zu Nachteilen gegenüber der Konkurrenz mit „unvermeidlichen
Auswirkungen im Investitionsbereich, einer geringeren Wettbewerbsfähigkeit
und einem Verlust an Arbeitsstellen“.
In den Gerichtsunterlagen, welche sich die britische Zeitung „The
Guardian“ beschaffen konnte, erklärt Frankreich, das Verbot
sei zu streng, schade den europäischen Geschäftsinteressen
und widerspreche der Regelung des internationalen Handels.
Frankreich behauptet zudem, die aus dieser Verfügung resultierende
Verbesserung der Lage der Tiere sei „äusserst
gering“ und „führe
höchstwahrscheinlich zum Vertrieb von Produkten, welche grosse Risiken
für die menschliche Gesundheit bergen“ würden.
Fragt sich, wie sich Frankreich die Lage in England und den Niederlanden
erklärt, wo solche Tests bereits verboten sind. Obwohl diese durch
Alternativmethoden ersetzt wurden, ist es den beiden Ländern gelungen,
auch weiterhin absolut sichere Kosmetik zu produzieren.
Die europäische Kosmetikindustrie zählt
rund 2000 Unternehmen, die einen Umsatz von 190 Milliarden Euro erzielen
und 500'000 Angestellte beschäftigen.
Die französische Regierung sprach sich nicht als einzige gegen diese
Richtlinie aus. Auch der europäische Verband European Federation
for Cosmetics, dem rund 70 Inhaltsstoffe für Kosmetik
produzierende Unternehmen in der Schweiz, Belgien, Frankreich, Deutschland
und Italien angehören, hatte beim Gericht erster Instanz Klage eingereicht.
Diese war im Dezember letzten Jahres abgelehnt worden.
L’Oréal
und LVMH- florierende multinationale Gesellschaften
Als eine der wenigen in Europa verfügt die französische Kosmetikindustrie über
ein Tierversuchsprogramm. Gewisse Unternehmen wie beispielsweise L’Oréal
sind mit Millionen von Euro an der französischen Wirtschaft beteiligt.
Somit ist es nicht weiter erstaunlich, dass die französische Regierung
mit allen Mitteln versucht, diesen äusserst rentablen Markt zu schützen.
Schliesslich steigt der Umsatz von L’Oréal seit 20 Jahren
unaufhaltsam und betrug im Jahr 2004 rund 14 Milliarden Euro. LVMH hingegen
konnte im gleichen Jahr einen Nettogewinn von über einer Milliarde
Euro ausweisen.
Auch weiterhin scheren sich die führenden Kräfte sowie die
Aktionäre dieser multinationalen Firmen keinen Deut um das Leiden
von jährlich rund 40'000 gequälten Tieren, die Lippenstiften,
Parfüms und anderen überflüssigen Produkten zum Opfer
fallen.
Angesichts dieser Tatsachen sollte man sich überlegen,
ob man nicht zu einem Boykott der Produkte von L’Oréal und
LVMH aufrufen sollte.
Interessant ist auch die Tatsache, dass Acqua di Parma, Givenchy, Guerlain,
Kenzo, Make Up For Ever, Christian Dior und Givenchy zu den rund 50 Marken
gehören, welche LVHM umfasst.
Biotherm, Cacharel, CCB, Garnier, Gemey-Maybelline, Giorgio Armani Parfums,
Helena Rubinstein, Kerastase, Lancôme Paris, La Roche Posay, Ralph
Laurent Parfums, etc. gehören hingegen L’Oréal.
Fast 27% der Aktien dieser Firma sind im Besitz von Nestlé.
Der Leiter des Unternehmens, Verwaltungsratspräsident und CEO Peter
Brabeck, sitzt im Verwaltungsrat von L’Oréal.
Liste der tierversuchsfreien
Kosmetik
Die Angaben und Erklärungen der zahlreichen Kosmetikhersteller,
ihre Erzeugnisse seien nicht „an Tieren getestet“ worden,
sind oftmals trügerisch. So berufen sich gewisse Firmen darauf,
ihr Produkt sei „nicht an Tieren getestet“ worden, obwohl
dies nur für das Endprodukt und nicht für die Inhaltsstoffe
gilt.
Die auf den Listen erwähnten Firmen unterzeichnen eine Charta, in
der sie sich dazu verpflichten, weder ihre Endprodukte noch deren Inhaltsstoffe
an Tieren testen zu lassen. Verschiedene Unternehmen wie Yves Rocher
oder Clarins, welche behaupten, ihre Produkte seien nicht an Tieren getestet
worden, fehlen auf der Liste. Diese Firmen haben sich entweder geweigert,
die Charta zu unterzeichnen, oder sie lassen ihre Inhaltsstoffe von anderen
Unternehmen testen.
Kosmetik: Chemiecocktails
Die grossen Kosmetikfirmen rechtfertigen ihre Tierversuche damit, „ihren
Benutzern sämtliche Garantien bezüglich der Unschädlichkeit
der verwendeten Produkte“ liefern zu wollen. Angesichts der Zusammenstellung
der Inhaltsstoffe der Produkte wäre wohl eher die Aussage angebracht: „Wir
wollen unsere chemischen Inhaltsstoffe testen, um zu wissen, welche Menge
man den Produkten beigeben kann, ohne Gefahr zu laufen, für gesundheitliche
Schäden der Benutzer aufkommen zu müssen.“
Eine von den amerikanischen Umweltschutzorganisationen
in Auftrag gegebene und von einem kalifornischen Labor durchgeführte
Studie geht davon aus, dass nahezu drei Viertel aller getesteten Schönheitsprodukte
Phtalate enthalten:
„Die Konzentrationen reichen von Spuren bis zu einem Anteil von
3% des gesamten Produktes. Es wurden sogar Spuren von DEHP
(Diethylhexylphtalat) gefunden, einem Produkt dieser Familie, das
als besonders Besorgnis erregend eingestuft wird“, erklärte
die an der Studie beteiligte Jane Houlihan, Vizepräsidentin der
Arbeitsgruppe Umweltschutz. „Es gibt keinerlei gesetzliche Verpflichtung,
die besagt, dass das Vorhandensein dieser Substanz auf der Etikette des
Kosmetikproduktes angegeben werden muss. Für Schwangere ist diese
Art von Information jedoch sehr wichtig.“ Die Studie weist auch
auf so bekannte Produkte wie die Nivea-Crème, das Parfüm „Poison“ von
Christian Dior, „Eternity“ und „Escape“ von Calvin
Klein oder „Trésor“ von Lancôme hin.
Aus einer anderen europäischen Studie zur Zusammensetzung
von 36 Parfüms ging hervor, dass die meisten von ihnen potenziell
gefährliche chemische Substanzen enthielten. Fast alle enthielten
zudem Phtalate sowie synthetische Moschus-Duftstoffe. Dies gilt insbesondere
für die Parfüms von Gaultier, Cartier und The Body Shop. Man
vermutet, dass die synthetischen Moschus-Duftstoffe das Hormonsystem
durcheinander bringen und das Blut sowie die Muttermilch verunreinigen.
Zudem wird vermutet, dass die Phatalate und insbesondere das Diethylphatalat
die Spermien verändern und die Lungenfunktion beeinträchtigen.
Bei den chemischen Präparaten darf der Anteil 0.2% bei den Pflegeprodukten,
0.1% bei den Mundpflegeprodukten und 5% bei den Nagelhärtern nicht übersteigen.
Ist tierversuchsfreie
Kosmetik frei von chemischen Substanzen?
Man könnte davon ausgehen, dass Marken wie Ecover oder Body Shop,
welche ihre Marketingkampagnen auf die natürliche Herkunft der in
ihren Produkten verwendeten Substanzen ausrichten, tatsächlich Kosmetik
verkauft, die keinerlei chemische Substanzen enthält.
Dies gilt insbesondere für chemische Substanzen mit reizender oder
gar toxischer Wirkung.
Da stellt sich die Frage, ob nur noch ein Chemiker in der Lage ist, auf
der Haut aufgetragene Produkte zu beurteilen.
Auswahl der Produkte
Weleda, eine hauptsächlich in Apotheken verkaufte Marke, und Wala,
ein in Diätgeschäften vertriebenes Produkt, gehören zu
den Marken, die tatsächlich keinerlei chemische Substanzen enthalten.
Dies beweist, dass es möglich ist, tierversuchsfreie Kosmetik herzustellen,
die für Benutzer und Umwelt nicht schädlich ist.
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